Freitag, November 25, 2016

Für'n Schnaps nach Lettland

"Alkoholmeile" im Hafen Tallinn - nicht mehr gut genug
für Freunde des Hochprozentigen?
Neu geschaffene Buslinien bringen im Hafen von Tallinn eingetroffene Gäste nun direkt weiter zur lettischen Grenze - das berichtet die estnische Nachrichtenagentur ERR. Die Firma "Raihan Group OÜ" eröffnete jetzt eine neue, spezielle Route: direkt zu den Grenzorten Ikla und Valga, bereit für den Kurzeinkauf auf der anderen Seite der Grenze, in Lettland.
Rund 50 Euro kostet die Fahrt immerhin, eine Stunde Zeit fürs Shopping am Zielort, plus eine Mahlzeit auf der Rücktour. Abends können die Kunden dann zurück in Tallinn sein.
Momentan wird die "Säufer-Linie" noch ohne Zwischenhalt angeboten.

Wegen der geringeren Verbrauchssteuer in Lettland lohnt sich der Trip sowohl für Esten wie auch Finnen. Die einschlägigen Läden werben sowohl mit ihren Preisen, wie auch der Geschäftslage unmittelbar an der Grenze - konsequenterweise nur in Estnisch und Finnisch. Der Laden einer Alkoholkette im lettischen Valka wurde kürzlich erst um 300m2 erweitert.

Steuererhöhungen in Estland machen es seit einiger Zeit verlockend, Alkohol jenseits der estnischen Grenze im südlichen Nachbarland einzukaufen. Die gegenwärtig gültigen Gesetze erlauben es Estinnen und Esten bis zu 10 Liter Hochprozentiges und 110 Liter leichtere alkoholische Getränke einzuführen. Einer Umfrage zufolge haben in den Grenzbezirken zu Lettland bis zu 70% der estnischen Einwohner/innen schon mal günstigen Alkohol in Lettland gekauft.

Die estnischen Grenzbehörden überlegen bereits eine Kontrolle von Alkoholtouristen durch Kameras, nachdem im Spätsommer bei Kontrollen Fahrzeuge aufgefallen waren, die Alkohol in großen Mengen transportierten, offenbar um dies in Finnland weiterzuverkaufen. Die Rekordmenge wurde bei einem Kleinbus festgestellt, der 1 1/2 Tonnen Bier mit sich führte.
In der lettischen Zeitung DIENA ist ein Preisvergleich nachzulesen: 24 Dosen A. Le Coq Premium Bier kosten in Estland 15 Euro, an der Grenze in Lettland aber nur 9,25 Euro. Und wer dann noch auf die lettische Marke "Aldaris 1865" umsteigt, zahlt für dieselbe Menge noch 7,49 Euro.

Mittwoch, November 16, 2016

Kleinstadtrituale, mütterlich

Estlands allernormalstes Leben findet offenbar in Ida-Virumaa statt: so zeigt es jedenfalls der Film "Ema" (Mutter) von Kadri Kõusaar, Hauptfilm der diesjährigen "Estnischen Filmabende" (EFA05) in Norddeutschland (in Kiel, Hamburg, Berlin, Oldenburg und Bremen). Es ist einer derjenigen Filme, wo empfohlen werden kann, sich vorher den Trailer zum Film anzusehen: es geht hier nur scheinbar darum, einen Kriminalfall aufzuklären.

Lauri, ein junger, offenbar lebenslustiger Mann in einer estnischen Kleinstadt und Lehrer an der örtlichen Schule, wurde von einer maskierten Person überfallen. Seitdem liegt er im Koma, inzwischen im eigenen Elternhaus, gelegentlich visitiert von einer eher gelangweilten Ärztin, betreut und geflegt von der eigenen Mutter. Den Drehort, eben ausgerechnet Ida-Virumaa, habe man deshalb gewählt - so erzählte die Produzentin Aet Laigu bei der Vorführung in Bremen - weil dort am besten diese Art von recht gesichtslosen Reihenhäusern zu finden war, der die Atmosphäre des Films prägt. Hier weht noch nicht der Wind der estnischen Start-ups und der virtuellen Servicewelten: die Wohnungsausstattung atmet den Geruch der 1980iger Jahre, immer wieder hektisch bestaubsaugt von der fürsorglichen Mutter.

Ob die Eltern vor diesem Ereignis im Mittelpunkt des Gemeindelebens standen, wer weiß es. Aber spätestens jetzt ist dieses Haus der Anlaufpunkt für viele Fragen: jeder und jede möchte mal mit Lauri, immer noch reglos im Koma liegend, ein paar Minuten allein sein. Das Dilemma ist offensichtlich: Antworten kann es hier keine geben. Vielleicht hofft jeder Besucher darauf den Moment zu erwischen, wo Lauri doch noch wieder aufwacht? Oder doch noch die großen Geldsummen zu finden, die er Gerüchten zufolge irgendwo versteckt haben soll?
Die Klassensprecherin aus Lauris Schulklasse hofft immer noch, mit ihrem heimlichen Schwarm beim nächsten Ausflug auch mal allein sein zu können. Lauri's Freundin bleibt sogar über Nacht, versucht Momente der vergangenen Zweisamkeit zu bewahren und gesteht ihrem Liebsten all ihre Sünden. Der Ortspolizist, nach vergeblichen Versuchen auf eine Karriere als Kommissar aufzuspringen hier im Örtchen gelandet, spielt professionelle Nachforschungen vor um seine Selbstachtung nicht zu verlieren. Elsas Mann, zusammen mit seinen Jagdfreunden (allesamt riesige estnische Kalevipoegs von Statur), sorgt sich um die Pflanzordnung im Garten und schläft regelmäßig vor dem Fernseher ein. Andres, offenbar für verschiedene Bauvorhaben in der Gemeinde zuständig, hat sich offenbar Geld von Lauri geliehen und verzweifelt daran, dass er nun dessen Verbleib nicht erklären kann, aber weiter in großen Schwierigkeiten steckt.

Vielleicht eine interessante Vorstellung für alle, die umziehen müssen an einen fremden Ort: wie wäre es, wenn die neuen Mitbewohner und Nachbarn alle der Reihe nach im eigenen Schlafzimmer vorbeiprominieren würden? Sowas passiert ja manchmal erst, wenn man wieder geht: hier kommt die Kondolenz zu früh, fast peinlich berührt betreten alle Gäste das Haus.

Aet Laigu
Am Anfang wie am Schluß des Films ein Geräusch, wie man es vom Abspielen einer Schallplatte kennt: die Nadel hängt noch in der Mitte, alles ist gespielt, und wird nun, da niemand das Gerät ausstellt, nur noch immer wieder von der letzten in die vorletzte Rille gezwungen. Endlos. Der Film hätte auch "Ritual" heißen können; ritualhaft sitzt Elsa immer wieder mit allen Gästen am Küchentisch, bietet Kaffee, Kuchen und geschmierte Brote an, und ist doch froh, wenn niemand der Eindringlinge Schmutz oder Gerüche hinterlässt. Aber gleichzeitig ist Elsa keine vereinsamte Hausfrau, die ihr Leben nur bedauern würde, die nie ihre Träume hätte realisieren können. Sorgsam organisiert sie sich, an den ihr sittsam bekannten Gewohnheiten ihres etwas pflegmatischen Mannes entlang, auch ihren Liebhaber: stets erscheint er mit relativ kümmerlichen Blumen, aber immerhin. Allerdings ist auch der Liebhaber kein Ausbruch aus der Biederlichkeit. Wer hierüber detaillierter nachdenkt, käme auch dem Plot der erzählten Geschichte näher.

Produzentin Aet Laigu ist mit diesem Film schon auf über 20 Filmfestivals zu Gast gewesen, erzählte sie in Bremen. Von ungewöhnlichen Zuschauerfragen nur inspiriert und offenbar immer noch voller Engagement für den Film, berichtet sie von Reaktionen in Kleinstädten auf anderen Kontinenten, wo Zuschauer gesagt hätten: "Ja, auch wir erkennen einen Teil unseres Lebens, etwas für uns Typisches in diesem Film." Gut für "Ema", denn er wirkt auf gewisse Weise wie das aktuelle Gegenstück zum "Supilinn"-Film (dt. "Das Geheimnis der Suppenstadt"), wo ganz unverhohlen Finanzmittel locker gemacht wurden, um speziell für die schöne Stadt Tartu zu werben, und sogar Sponsoren in die Handlung eingebaut erscheinen, ohne es groß zu verstecken (z.B. DHL-Paketwagen). Bei "Ema" dagegen ist alles möglicherweise Wiedererkennbare vermieden: sogar Estinnen und Esten werden keinen Platz mit einem örtlich bekannten Denkmal oder Brunnen, Rathaus oder anderem Gebäude einer bestimmten estnischen Stadt wiedererkennen können - außer vielleicht ihrem eigenen, früheren Leben.

Es wurden sogar schon Parallelen gezogen zu Alfred Hitchcock - Spannung bietet "Ema", in ritualhaften Spiralen, bis zum Schluß. Nicht immer steht allerdings, wie jetzt in Bremen, eine der Filmemacherinnen für Nachfragen zur Verfügung. Falls es die gerüchteweise schon recht betagten Mitglieder der "Akademie für die Kunst der bewegten Bilder" (AMPAS) schaffen, sich den Film in Ruhe anzusehen, vielleicht gibts ja den begehrten "Verdienstpreis der Akademie" - "Ema" ist nominiert für den Oscar für den besten fremdsprachlichen (nicht englischen) Film (siehe: Hollywoodreporter). "Es wird ja mal wieder Zeit für Estland, irgend etwas zu gewinnen!" meinte Aet Laigu fröhlich in Bremen. So sind sie, die Estinnen. Ein Stück Elsa wahrscheinlich innen drin, aber sprudelnd kreativ auf dem Weg in die Zukunft.

Der Film ist in dieser Woche noch bis Sonntag im Rahmen der Estnischen Filmabende zu sehen.

Webseite der Produktionsfirma Meteoriit (zum Film, und zu Kadri Kõusaar)
zu Kadri Kõusaar in Korea
Estnische Filmabende EFA05
Trailer zum Film
Twitternews zum Film
Kadri Kõusaar auf Twitter
Facebookseite zum Film

Donnerstag, November 10, 2016

Von Rõivas zu Ratas?


Nach 961 Tagen ging in dieser Woche die Amtszeit des estnischen Regierungschefs Taavi Rõivas zu Ende. Von 91 anwesenden Abgeordneten stimmten 63 für ein  von der Opposition beantragtes Misstrauensvotum, 28 dagegen, Enthaltungen gab es nicht.

bald schon neuer tonangebender
Politiker in Estland? Jüri Ratas,
frisch gewählter Chef der Zentrumspartei
Kaum hatte die oppositionelle Zentrumspartei sich nach jahrelangen Diskussionen vom bisherigen Parteichef Edgar Savisaar verabschiedet und sich für Jüri Ratas als neue Führungsfigur entschieden, gaben die beiden bisherigen Koaltionspartner der Reformpartei, Sozialdemokraten (SDE) aund Pro Patria / Res Publica Union (IRL), ihren Ausstieg aus der bisherigen Zusammenarbeit mit der Reformpartei bekannt - es lag nur ein Wochenende dazwischen. Und nicht nur das: eilig fügten beide hinzu, man sei offen für Gespräche mit der Zentrumspartei. Jevgeni Ossinovski, Vorsitzender der SDE, sprach sich offen für Jüri Ratas als möglichen neuen Regierungshef aus - und legte Rõivas den Rücktritt nahe."Regierungsarbeit ist Teamarbeit, und wenn es kein gegenseitiges Vertrauen mehr gibt in diesem Team, dann ist es nicht möglich weiterzumachen." 17 Jahre lang habe Estland nun schon eine von der Reformpartei diktierte Steuerpolitik ertragen müssen, und auch den sozialen Ungleichheiten im Lande müsse mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. (ERR)

Die neue Galionsfigur der Zentrumspartei versuchte sich bereits mit inhaltlicher Profilierung: die Regierung müsse auch mal notwendige Investitionen mit Krediten finanzieren können, sagte er im Interview (ERR). Mitglied der neuen Parteiführung der Zentrumspartei wurde übrigens auch Raimond Kaljulaid, der Halbbruder der neuen estnischen Präsidentin. Unklar bleibt vorerst, ob die Partei ganz vereint die neuen Perspektiven angeht: Altvater Savisaar hatte sich erst kurz vor der Wahl des Vorsitzenden entschieden, doch nicht mehr zu kandidieren, erschien gar nicht auf dem Parteikongress, und schloss auch einen Parteiaustritt nicht aus.

Auch die beiden kleineres Parteien im Parlament, die "Freiheitspartei" (Eesti Vabaerakond EVA) und die rechtskonservative Konservative Volkspartei (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond EKRE) hoffen nun auf eine Regierungsbeteiliigung. Da ist es offenbar kein Hindernis, dass beide eher dem rechten Lager zugerechnet werden: Ratas hat beide bereits zu Gesprächen empfangen und EKRE als "vertrauensvoller Partner aus der Zeit der Oppositionsarbeit" bezeichnet (ERR).Ob auch die Sozialdemokraten einer so breiten Koalition zustimmen werden, scheint allerdings unsicher.

Was passiert nun weiter? Laut estnischen Recht hat die Präsidentin nun 14 Tage Zeit, in Gesprächen mit den Parteien einen neuen Kandidaten / eine Kandidatin für das Amt des Regierungschefs zu finden. Ein benannter Kandidat oder eine Kandidatin hat dann wiederum 14 Tage Zeit, im Parlament eine Mehrheit für seine Regierung zu finden. Danach hätte ein neuer Regierungschef noch eine weitere Woche Zeit, um auch die einzelnen Regierungsmitglieder im Parlament bestätigen zu lassen. Die Präsidentin hätte aber auch die Möglichkeit, außerordentliche Parlamentswahlen anzusetzen.

Samstag, November 05, 2016

Sturm im Museumsglas

Am 1.Oktober war Museums-Eröffnungstag
Vor einigen Jahren noch, als deutschsprachiges Wissen über ein Land wie Estland nicht besonders geläufig war - Deutsche registrierten überrascht, dass an der östlichen Ostsee mehr war als nur Sowjetrussland - damals galt noch der einfache Leitsatz: Litauen ist katholisch, Lettland und Estland protestantisch. Wer so etwas schrieb, hatte vielleicht die Jahrhunderte im Zeitraffer vor Augen: gewaltsame Missionierung durch den Deutschen Orden (Schwertbrüderorden) ab dem 13. Jahrhundert, Reformation und Gegenreformation. Als Martin Luther vor 500 Jahren seine Thesen verkündete, gelangte seine Lehre sehr schnell auch nach Livland und Estland und verbreitete sich rasch. Andreas Knöpgen war einer der ersten welche sie verkündeten, und ein 1530 in Riga erschienenes Gesangbuch enthielt bereits 22 Lutherlieder, darunter "eine feste Burg ist unser Gott". Im Sommer 1524 wird durch den Rat der Stadt Dorpat (heutiges Tartu) Hermann Marsow, der in Wittenberg studiert hat, als Prediger an der Pfarrkirche zu St. Marien berufen. Marsow war der erste akademische Hörer Luthers, der in Livland wirkte. Durch die altkirchliche Obrigkeit vorübergehend vertrieben, wich er zunächst nach Reval (heute. Tallinn) aus, kam später aber wieder zurück nach Dorpat.

Die mit dem Schwert missionierenden Ordensleute hatten Altlivland, also das nördliche Lettland und Estland, der Gottesmutter Maria weihen lassen - Estland galt als "Marienland". Im 16. Jahrhundert gab es auch in Estland "Bilderstürme", als Kirchenplünderungen und andere Ausschreitungen. Die deutsche Oberschicht aber, die ja in all diesen Zeiten ihre gehobene Stellung nie verlor, sah es im Rückblick etwa so: durch die Reformation konnte erneuerte christliche Botschaft den zwei "anvertrauten Völkern", den Letten und Esten, erneut verständlich und glaubhaft gemacht werden - deutsche Pastoren halfen die Machtverhältnisse zu stabilisieren. Nun wurde auch in Estnisch gepredigt.

Das Estland von heute ist jedoch, rein statistisch nach der Zahl der eingetragenen Kirchenmitglieder betrachtet, ziemlich laizistisch strukturiert: Staat und Religion sind streng getrennt, die Zahl der Mitglieder der Estnisch-Evangelisch-Lutherischen Gemeinde ist auf etwa 108.000 gesunken (10 % der Bevölkerung). Dahinter folgen noch die Mitglieder der orthodoxen Kirchen (13%), der Römisch-Katholischen Kirche (0,5%) und der Baptisten (0,5%), Juden und Muslime (je 0,1%).

Somit ist auch eine Schlagzeile des Deutschlandradio Kultur nicht verwunderlich, wo noch vor wenigen Wochen ein Bericht überschrieben war mit dem Satz: "Gottlos glücklich in Estland". Dort steht allerdings auch, Zitat: "Eine Umfrage von 2005 ergab allerdings, dass nur 16 Prozent der Esten an einen Gott glauben, aber mehr als Hälfte, nämlich 54 Prozent, an irgendeinen 'Geist' oder an eine überirdische 'Macht'."

An welche Geister die Erbauer des neuen Nationalmuseums Estlands (Eesti Rahva Muuseum ERM) in Tartu glauben, ist nicht überliefert. Auf 6.000m2 möchte Estland seine Eigenarten und sein Selbstverständnis darstellen. Doch kaum hatte das Museum am 1.Oktober seine Tore geöffnet - nicht einmal die englischsprachigen Besucherinfos waren fertig - hatte das neue Haus auch schon seinen ersten "Skandal".

Fürs durchdigitalisierte Estland eigentlich logisch, dass auch das Nationalmuseum digitale Kunstwerke präsentiert. Eines davon zeigt das digital erzeugte Abbild einer Marienfigur, interaktiv: mittels eines in Fußhöhe angebrachten Pedals können Besucher das Hologramm einstürzen lassen, und es erscheint das Wort: "Reformatsioon". Ein perfekte, moderne Zusammenfassung der estnisch-lutheranischen Haltung zum Zustand der Welt?

Nein! sagte bereits am Tag nach der Eröffnung der Erzbischof der estnischen lutheranischen Kirche, Urmas Viilma. Und er sagte es "estonian-like": per Facebook. "Es gibt eine Menge zu sehen im neuen Museum", so Viilma, "aber eines dieser Kunstwerke hat mich doch verärgert. Die Besucher zu animieren, per Fußtritt ein Marienbild zu zerstören, das könnte sicherlich beliebt werden bei ganzen Schulklassen, die sich hier betätigen wollen. Aber was würden Estinnen und Esten sagen, wenn hier etwa die Steinbrücke von Tartu in die Luft fliegen würde, oder virtuell Feuer gelegt würde an Häusern der Altstadt von Tallinn?" (ERR). Viilma stellte auch die pädagogischen Sinn in Frage, wenn hierbei religiöse Gefühle von anderen verletzt würden. Für manche sei eben die heilige Maria nicht einfach eine historische Figur, sondern ganz real präsent in ihrem heutigen Leben.

Andere Kritiker äusserten sich auch kritisch gegenüber der hier gewählten Art, die heilige Maria darzustellen - es sei eher den Marienerscheinung des 19. Jahrhundert nachempfunden, wie sie von Catherine Labouré beschrieben wurden, also sei in diesem Fall der Bezug zu Luther und zur Reformation einfach falsch. Etliche radikalchristliche Vereinigungen meldeten sich zu Wort, und gingen teilweise sogar so weit, das Kunstwerk als Aufforderung zur Gewaltanwendung nicht nur gegen die heilige Maria, sondern gegen Frauen generell sehen zu wollen.

Eine Diskussion über Gott und Maria, in Estland? Nur wenige meinen, es nutze lediglich in erster Linie einer kostenlosen Werbung für das neue Museum. Das Thema hat inzwischen auch das deutschsprachige katholisch geprägte Internet erreicht. Auf "Katholisch.de" bezeichnet ein Pater Wrembeck den Vorgang als "Schändung des Marienkunstwerkes", gibt aber gleichzeitig zu, die Reaktionen in der estnischen Bevölkerung hätten sich weniger auf die religiösen Aspekte bezogen, sondern eher auf den allgemeinen Verlust an Kultur und Kulturverständnis. Er weist auch darauf hin, dass die estnischen Lutheraner eben nicht immer automatisch die einflussreichste religiöse Gruppierung in Estland sind, sondern eher die orthodoxe Kirche - und auch Anhänger dieser Glaubensrichtung könnten sich beleidigt fühlen. Lutheraner seien aber meist nur noch alte Leute in Estland, meint Wrembeck beiläufig, gibt aber auch zu, dass der estnische Katholizismus ein "eher konservativer Katholizismus" sei (der katholische Bischof ist Mitglied bei Opus Dei,
die ja auch in Deutschland schon viele kritische Anmerkungen auslöste, siehe z.b. DIE ZEIT). Pater Wrembeck sieht Estland eher beherrscht vom Naturglauben: "Statt von Engeln ist die Rede von Elfen und Waldgeistern."

Nun ja, solange die Diskussion von radikalen Extremisten bestimmt wird, werden wohl auch die meisten Estinnen und Esten skeptisch gegenüber den Kirchenvätern und den von ihnen festgelegten Dogmen bleiben. Radikalchristen wie Varro Vooglaid und der von ihm gegründeten estnischen "Stiftung für Familie und Tradition" versuchten die öffentliche Diskussion in ihren Sinne zu nutzen - also zusammen mit der heiligen Marie gleich mal die inzwischen erreichte estnische Offenheit gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften anzugreifen (zu dieser Diskussion siehe auch: Human Right Centre Estonia).

Das neue estnische Nationalmuseum ERM jedenfalls hatte im ersten Monat seines Bestehens 32.577 Besucherinnen und Besucher, sicher keine schlechte Zahl. Und es war in aller Munde. Das beanstandete Ausstellungsstück wurde inzwischen leicht verändert: jetzt können die Besucher nicht mehr das Zerfallen des Marienbildes auslösen, eben auch nicht mehr "Maria mit dem Fuß treten": der Zerfall des Hologramms geschieht nunmehr automatisch, wie eine Art ewiger Kreislauf, allein durch die digitale Programmierung gesteuert. Ob so etwas Martin Luther freuen würde: eine automatische Reformation?

Eesti Rahva Muuseum
auf Facebook 
im Internet 
Werbeclip1 --- Werbeclip2 (estn./engl.) --- Youtubekanal des Museums

Sonntag, Oktober 23, 2016

Zaubersuppe aus Estland

Eine Filmstadt in Estland - die soll erst noch gebaut werden. "Tallinn Film Wonderland" in Kopli, einem Stadtteil von Tallinn (ERR), soll ab Ende 2018 als Filmproduktionsstätte dienen und Arbeitsstätte für 17 Filmproduktionsfirmen werden.

Da ist es doch günstig, dass auch Estlands zweite große Stadt Tartu filmisch etwas zu bieten hat: neu in deutschen Kinos ist nun "der Geheimbund von Suppenstadt" zu sehen, ein Film der in Tartu spielt und diese schöne, alte Stadt im besten Lichte zeigt. Unabhängig von der Meinung, die Kinder sich bilden werden - das eigentliche Zielpublikum - ist vielleicht jetzt schon klar, welche Bilder aus diesem Film den Zuschauern am meisten im Gedächtnis bleiben werden: fröhliche, radfahrende Kinder im romantisch wirkender, sonnendurchflutender Umgebung, zwischen wild wuchernden Gärten und bunten Holzhäusern. Ein Film, wie ihn sich Bürgermeister wünschen:Tartu erscheint in ziemlich bestem Licht, dank den Möglichkeiten von kamerabestückten fliegenden Drohnen und digitaler Filmtechnik.

Schade, dass der Film sich in seiner deutschen Fassung so gar nicht am Estnischen orientiert: würde doch auch ein Name wie "Supilinn" für Kinder recht lustig wirken. Deutsch synchronisiert aber wirken auch alle Kinderpersönlichkeiten ein wenig eingedeutscht, und über den eigentlichen Hintergrund der Bezeichnung "Suppenstadt" erfährt der Kinobesucher leider nichts (viele Straßennamen wie Suppenzutaten: Kartoffel-, Kürbis-, Erbsen-, Sellerie-, oder Kohlstraße). Manchmal ist auch zu vermuten, dass die estnischen Originaldialoge weitaus frischer waren als die synchronisierte Fassung, wo Sätze vorkommen als seien sie von vorbildlichen Eltern geschrieben: "Opa, ich bins, mit meinen Freunden!"

Doch zur Story des Films. Wieder einmal ist es ein Versuch, die Welt der Kinder mit derjenigen der Erwachsenen zu spiegeln: wie wäre es denn, wenn mal die Erwachsenen wild und ungestüm herumspringen würden, seltsame Laute ausstoßend? In der romantischen Suppenstadt, wo es viele abenteuerliche Ecken zum Radfahren und Verstecken, aber auch eine Open-Air-Bühne für Theateraufführungen gibt, geht ein mysteriöser Maskenmensch umher, der seltsame Mixturen in die Getränke der Erwachsenen mischt, wodurch sie kindisches Gebahren annehmen und sogar mit dem Tode bedroht sind. Wohl dem, der einen schlauen Opa hat! Tiit Lilleorg, in Estland bereits bekannt aus vielen Filmen und vom Theater Vanemuine in Tartu, spielt diesen Großvater Peeter eindrucksvoll und glaubwürdig (immer gut, wenn so ein Großvater von eher kleiner Statur ist, und die Kinder nicht weit überragt). Diese Kinder haben Smartphones, und schauen auch mal im Internet nach wenn sie etwas nicht wissen - aber dieser Opa arbeitet nicht nur mit Laptop, seine Werkstatt hat etwas von einem Daniel Düsentrieb, und spätestens wenn die Kinder dort angekommen sind, scheint das Abenteuer sicher. Doch Sadu (Arabella Antons), Olav (Hugo Soosaar) und Anton (Karl Jakob Vibur), die drei Freund/innen der Hauptheldin Mari (Olivia Viikant), wollen anfangs nicht so recht glauben an verborgene Schätze, die mittels Mari's Rätselaufgaben (vom Opa erdacht) gefunden werden sollen. Vielleicht haben auch die Zuschauer ihre Schwierigkeiten, in die Geschichte reinzufinden: die estnischen Namen klingen doch recht ungewöhnlich, und werden erst im Laufe der Geschichte irgendwo mal erwähnt, wo es der Lauf der Ereignisse irgendwie erlaubt. Identifikationsfigur wird also bei diesen estnischen Detektivgeschichten, die man auch für eine Variation der "drei Fragezeichen" halten könnte (wo aber nur Jungs auftreten), eher Mari sein - im richtigen Leben ein Mädchen von 10 Jahre aus Tallinn (Lieblingsfilm: die Vampirtagebücher).

Der Film beginnt recht schwungvoll mit einer Art Straßenfest in der Suppenstadt, untermalt von der estnisch-ukrainischen Band SVJATA VATRA, die zum Tanz aufspielt. Mari's Vater dagegen deutet an, dass im realen Supilinn in Tartu heute niemand mehr sagen würde "der letzte Slum Estlands" (Atlas obscura): Open-Air-Ballett wird wohl nicht in jedem Stadtteil geboten - und auch Tartus Vorstadt ist ja real bereits auf dem Weg zum "In-Viertel" einer jungen, gut verdienenden Generation.
Der weitere Verlauf der Geschichte wird dadurch geprägt, dass der schlaue Opa Peeter leider ebenfalls vom falschen Getränk nascht und vorerst handlungsunfähig in Krankenhaus muss, der Maskenmensch sich aber mit einer unsympatischen anderen Kinderbande verbündet, denen er Geld und Geschenke verspricht, wenn sie etwas gegen Mari und ihre drei Freunde unternehmen. Vor allem der Schluß enthüllt noch einmal eine überraschende Wendung dadurch, dass die Enttarnung des Maskenmensches auf einmal ganze neue Zusammenhänge enthüllt.

Der Film erhielt bei seinen bisherigen Festival-Auftritten vor allem Publikumspreise - was darauf hindeutete, dass Kinder doch eher nach dem Grundsatz Filme schauen: "Hauptsache nicht langweilig!". Denn Langeweile kommt hier bestimmt nicht auf - über die leichten inhaltlichen Überfrachtungen können Kinder sicher gern einfach hinwegsehen. Zudem schafft auch die Filmmusik von Liina Kullerkupp einen leichten, fröhlichen Rhytmus, der die immer wieder rasanten Radel-Kunststücke der Kinder besonders betont (ein Film also auch für Mountainbike-Fans).
Falls die Fans des Supilinn-Films
noch ein wenig drängen - es gäbe
noch mehr Kinderbücher von Mika
Keränen (zu verfilmen, oder ins
Deutsche zu übersetzen)
Ganz nebenbei besteigen die Kinder auch noch den Uhrenturm des Tartuer Rathauses - ganz im Stil der mutigen Studenten, die am selben Ort 1917/18 erstmals die estnische Nationalflagge hissten - so wie es der estnische Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch "Die Namen auf der Marmortafel") zeigt. Aber das deutsche Publikum kann das vielleicht ebenso vernachlässigen wie die Hinweise, das dringend benötigte geheimnisvolle Notizbuch sei von Soldaten versteckt worden, damit die Besatzer Estlands das Buch nicht entdecken. 

5800 estnische Kinder wurden für diesen Film angeblich gecastet - und eine stattliches Budget von 1,14 Millionen € verbraucht. Die Stadt Tartu hatte kürzlich eine eigene regionalen Filmstiftung gegründet, mit einem Budget von 150.000 Euro jährlich. Der Suppenstadt-Film war einer der ersten Projekte dieser Stiftung, gefördert aus dem Budget für 2014 und 2015, und abgewickelt vom Zentrum für kreative Industrie (TCCI). Sponsoren aus der Wirtschaft gibt es ebenfall, und es scheint klar, was hier angeboten wird: im Film gab es eine eigene Sequenz mit einem Paketwagen der DHL - da freut sich die Firma.

In Estland sahen den Film bisher über 90.000 Kinogänger (der zweiterfolgreichste estnische Film des Jahres 2015, nach "1944").
Die Geschichte basiert auf dem Buch des finnisch-estnischen Schriftstellers Mika Keränen, der in Helsinki geboren wurde und Estnisch an der Universität Tartu studierte. Seit 2008 schreibt Keränen Kinderbücher. Dem Suppenstadt-Kinderfilm also zunächst einmal viel Erfolg - vielleicht verbunden mit dem Wunsch, die deutsche Synchronisation könnte nächstes Mal ruhig ein paar estnische Wörter behalten - denn die "Suppenstadt" ist ja eben nicht bloß als Filmkulisse erschaffen worden, sondern gibt es im realen Leben ja auch.

Montag, Oktober 03, 2016

Codewort: 68

Kersti Kaljulaid, 46 Jahre alt und vierfache Mutter, wurde heute zur neuen Präsidentin Estlands gewählt - sie erhielt 81 Stimmen und übertraf damit die notwendige 2/3-Mehrheit von 68 Stimmen deutlich. Estland hat damit erstmals eine Frau als Präsidentin - als Nachfolgerin von Konstantin Päts (1938 - bis zur Besetzung Estlands durch Sowjettruppen am 21.6.1940), Lennart Meri (1992-2001), Arnold Rüütel (2001-2006) und Toomas Hendrik Ilves (2006-2016). Nach mehreren erfolglosen Wahlgängen hatte der Ältestenrat des estnischen Parlaments Kaljulaid als Kompromisskandidatin auserkoren. 90 Parlamentsabgeordnete (von 101) hatten zuvor ihre Unterstützung zugesagt, daher blieb sie diesmal die einzige Kandidatin, denn mindestens 21 Unterstützer sind notwendig.

Die 1969 in Tartu geborene frisch gewählte Präsidentin hat eine interessante Karriere hinter sich - vielleicht auch typisch für die Entwicklung Estlands in den vergangenen Jahrzehnten. Kaljulaid studierte zunächst Biologie, ihre Schwerpunkte damals werden mit Ornithologie einerseits und Genetik andererseits angegeben. Sie schloss dann aber ein Studium der Betriebswirtschaft an und ging in die Wirtschaft. Damals bereits junge Mutter, ging sie zunächst zu "Eesti Telefon" als Verkaufsleiterin, dann als Projektmanagerin zur "Hoiupank", um schließlich einen Posten im Investmentbanking der "Hansapank" zu übernehmen (bevor Hansapank an die Swedbank verkauft wurde). 1999, als Mart Laar (Ismaaliit / Vaterlandsunion) sein zweites Regierungskabinett bildete, wurde Kersti Kaljurand zu seiner Beraterin in Wirtschaftsfragen - drei Jahre lang. In dieser Zeit waren Siim Kallas Finanzminister und Toomas Hendrik Ilves Außenminster Estlans. 2002 wechselte Kaljulaid dann als Direktorin zum Iru Kraftwerk, einem Heizkraftwerk in Maardu in der Umgebung von Tallinn. 2004, nach dem Beitritt Estlands zur Europäischen Union, wurde Kaljulaid zur Vertreterin Estlands beim Europäischen Rechnungshof ernannt. Ihr Dienstsitz war seither also die Rue Alcide De Gasperi in Luxembourg. Der Rechnungshof wacht über die korrekte Verwendung der EU-Finanzen. 
erstaunlich vielleicht - für eine
Estin - dass Estlands neue
Präsidentin erst heute ein
Konto bei Twitter eröffnete

In Estland trat Kaljulaid immer wieder in der Öffentlichkeit auf, teilweise mit eigenen Beiträgen im Radio und für Zeitungen, sie engagierte sich auch für die Belange der Universität Tartu. Dennoch ist sie auch in Estland weit weniger bekannt als die vorher vorgeschlagenen Kandidatinnen und Kandidaten - und so gilt als einer ihrer ersten Vorhaben als Präsidentin, übers Land zu reisen und die einzelnen Regionen zu besuchen. 

Als "Präsidentinnengatte" wird Estland sich an Georgi-Rene Maksimovski gewöhnen müssen, mit dem Kirsti Kaljuraid in zweiter Ehe verheirat ist und mit dem sie zwei Söhne hat. Eine Tochter und ein Sohn stammen aus erster Ehe. Ein Halbbruder, Raimond Kaljulaid, ist als Lokalpolitiker für die Zentrumspartei im Bezirk Põhja in Tallinn aktiv.

Freitag, September 30, 2016

Der Este vor der Tür

Vorbei sind die Zeiten, in denen Deutsche ruhig Estland und Island verwechseln konnten - damals merkte es niemand. Die Republik Estland hat inzwischen ihren Platz gefunden in der Europäischen Union, die Geographie des Landes ist inzwischen auch in deutschen Schulen Lehrstoff geworden, und gerade die Jugend hat schon vom frei zu nutzenden Internet in Estland gehört, dem inzwischen viele Länder und Städte nacheifern. Nun könnte es noch einen Schritt weiter gehen: eh man sich versieht, steht der Este gleich vor der eigenen Haustür!

Gemeint ist er: der noch namenlose, selbstfahrende Roboter in Kniehöhe, den die estnische Firma "Starship" jetzt, in Kooperation mit Mercedes, in Deutschland zur praktischen Anwendung bringen will. In Düsseldorf startet das Projekt ab sofort in eine Testphase - unter zwei Bedingungen: fahren nur bei Tageslicht, plus Begleitperson zur Überwachung (Neue Westfälische). Der Logistikkonzert Hermes kündigte weitere Tests in Hamburg an.

Dahinter steckt unter anderem Ahti Heinla, der vor einigen Jahren "Skype" mit entwickelte und dort 2008 ausstieg. Schon vor einem Jahr erzählte er der FAZ: "Wir sind dazu gekommen, weil die NASA etwas selbstfahrenes zur Sammlung von Gesteinsproben auf dem Mars sucht. Diesen Wettbewerb haben wir nicht gewonnen - und fanden statt dessen eine Geschäftsidee für die Erde."

Auf der Erde - in Deutschland - angekommen, sucht sich also nun dieser selbstfahrende Este seinen Weg durch deutsche Vorstädte. Im heimischen Estland könne das System noch nicht funktionieren - es gäbe dort nicht die erforderliche Qualität an digitalen Karten, meinen die Erfinder. Zu den Einsatzorten gebracht werden die neunäugigen Geräte (es gibt neun Kameras) von speziell dafür gebauten Auslieferungsfahrzeugen von Mercedes. Bis zu 10kg Tragfähigkeit soll es haben. Angeblich soll es 10.000 Testkilometer absolviert haben - doch falls die Wege dabei so peinlich eben, sauber und frei von konkurrierendem Verkehr gewesen sind wie in den Werbeclips zu sehen, wird die Praxistauglichkeit zumindest in Deutschland offen bleiben müssen.

Da darf man doch gespannt sein, wie sich so ein Gerät mal zwischen von Fußgängern überfüllten Bürgersteigen, dem deutschen Radwegsystem, oder auf Kopfsteinpflasterstraßen benehmen wird. Rechtlich sicherlich eine erneute Streitfrage: wer hat Vorfahrt? Darf ich den Marsroboter stoppen, in dem ich einfach mein Bein davorstelle? Was mache ich, wenn mein Hund agressiv wird angesichts solcher Gebilde? Angeblich sind die Geräte mit einem Lautsprecher ausgestattet, so dass sich dann ein Mitarbeiter meldet. Eigentlich sehe ich persönlich mit Freuden meiner ersten Begegnung entgegen, so gesehen. Es wird bestimmt witzig.

Die nächste Frage ist vielleicht: was macht der Fahrer des Spezial-Mercedes-Van eigentlich, während die Auslieferungs-Roboter unterwegs sind? Unbezahlte Zwangspause? Büroarbeiten per Smartphone? Vielleicht bekommt er kostenlose Gelegenheit, mit seiner Familie zu skypen? Vielleicht wünscht er sich auch einen kräftigen, jungen (menschlichen) Laufburschen, den er mal schnell ausliefern schicken kann? Und wird es bald zusätzlich zu den Straßen, Geh- und Radwegen auch noch Auslieferungsstreifen geben müssen, damit die ferngesteuerten Kästen nicht einfach aus Verzweiflung einfach stehen bleiben, wenn mal zu viel los sein sollte auf ihrem Weg?
Solche Sorgen werden sich die Starship-Erfinder vermutlich nie machen; es wäre nicht erstaunlich, wenn sie wieder rechtzeitig die Idee an große Konzerne verkaufen ...

Dienstag, September 27, 2016

Ilves bleibt - immer noch

Estinnen und Esten rätseln über den Zustand ihrer politischen Führungsschicht - nachsichtig hatte man noch gelächelt über die Österreicher, die in mehrfachen Versuchen es nicht schaffen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Nun aber hat auch Estland seine politische Hängepartie - und Ilves bleibt immer noch, vorerst.

Kandidat/innen for Eesti President:
niemand mit klarem Profil?
Mit 138 zu 134 Stimmen hatte Ex-EU-Kommissar Siim Kallas vorn gelegen vor seinem Gegenkandidaten in der Stichwahl, dem Nationalkonservativen Allar Jõks. Aber durch 57 leere und 3 ungültige Stimmzettel war dies trotzdem keine Mehrheit unter den 335 Mitgliedern der Wahlversammlung (Valimiskogu). Erstaunlich dabei für unbefangene Zuschauer der Live-Übertragungen am Fernsehschirm: die Anzahl der Stimmen wurde, Kandidat für Kandidat, nacheinander durch lautes Zählen jedes Zettels offen vor den Kameras ermittelt (eine gute Lehrstunde um auf Estnisch das Zählen zu lernen, meinten einige). Also hier mal kein elektronisches Wählen, vermeintlich modern und so kennzeichnend für Estland.

Vier Kandidatinnen und Kandidaten hatten im ersten Wahlgang beinahe gleichauf gelegen: die Favoritin der Umfragen und Ex-Außenministerin Marina Kaljurand mit 75 Stimmen, die Kandidatin der oppositionellen Zentrumspartei Mailis Reps mit 79 Stimmen, Simm Kallas mit 81 und Allar Jõks mit 83 Stimmen (Rechtsaußen Mart Helme konnte nur 16 Stimmen auf sich ziehen). Wahrscheinlich seien die Wahlmänner und -frauen, von Städten und Gemeinden nominiert und entsandt, von den beiden Kandidaten der Stichwahl überrascht gewesen, vermutete Politologie-Professor Vello Pettai hinterher (ERR). Offensichtlich war auch, dass zwei weibliche Kandidatinnen gegenüber zwei Männern scheiterten - war dies der Pyrrhus-Sieg der standhaften Parteisoldaten gegenüber der angeblichen Volksmeinung? Das Beharren also auf Siim Kallas als Kandidat der regierenden Reform-Partei gegenüber einer vermeintlich breitere Schichten ansprechenden Marina Kaljurand?

Nun fordern die Medien den Rückzug aller bisheriger Kandidat/innen und Verhandlungen unter den Parteien, um gemeinsame Kandidaten zu finden. Sowohl Kallas wie auch Jõks haben bereits ihren Rückzug angekündigt (Baltic Times), Kaljurand erklärte sie sei nicht daran interessiert, sich selbst wieder zur Kandidatin zu erklären (ERR). Noch 2011 hatten einige Kommentatoren, als Präsident Ilves wiedergewählt wurde, gerade Jõks zu einem potentiell guten Gegenkandidaten erklärt - wenn er denn damals nominiert worden wäre (bnn). Nun sieht auch er seine Chance für passé. Kallas war, nach seiner Rückkehr von seinen Brüsseler Posten 2014, als möglicher Gründer einer neuen Partei oder als künftiger Ministerpräsident gehandelt worden - dies sahen einige auch als Grund, warum die Reformpartei von Regierungschef Rõivas ihn gern mit präsidialen Aufgaben "gebunden" hätte.

Viele sprechen nun von einer Änderung des Wahlrechts, anwendbar bei der nächsten Präsidentenwahl. Zunächst muss jedoch die laufende zu Ende gebracht werden. Parteienvertreter, Medien, der Ältestenrat des Parlaments - alle suchen nach neuen Namen. Gleichzeitig wird allgemein bedauert, dass Estland in dieser Sache ein so chaotisches Bild abgegeben habe, auch international. Man darf gespannt sein auf neue Vorschläge. Doch nicht etwa eine österreichisch-estnische Rochade? Auch dort war es ja bisher ein hindernisreiches Rennen um die Präsidentschaft - mit einem Kandidaten mit Wurzeln in Estland: Alexander van der Bellen (estnische Mutter). Vielleicht schade, dass die Wahl in Österreich verschoben wurde - wäre van der Bellen dort gescheitert, wäre er dann nicht frei für Estland?

Dienstag, August 30, 2016

Esten merkeln

Merkel im (digitalen) Wunderland ...
Der kürzliche Staatsbesuch von Bundeskanzlerin Merkel hinterließ eine Menge schöner Bildchen, Händeschütteln und zur Schau gestellte Merkelsche Bewunderung für die Praxis der estnischen digitale Technologie. Er gab sogar dem im tiefsten Sommerloch von Rechtsradikalen aufgebrachten Gerücht Nahrung, Merkel würde bald aus dem Regierungsamt flüchten und im Ausland Exil suchen: Estland schenkt Merkel eine digitale Staatsbürgerschaft - die Urkunde weist die E-Staatsbürgerschaft Nr. 11867 aus.

Vorbei sind die Zeiten, als Estinnen und Esten froh waren, wenn ihnen nur kein Gazprom-Vertreter oder Putin-Verehrer als hoher Vertreter Deutschlands angeboten wurde (Schröder). Nun ist Estland offenbar schon so weit, tief in die Psyche der deutschen Bundeskanzlerin vorzudringen: gleich zwei Stellungsnahmen lassen sich in der estnischen Presse finden, die persönliche Hintergründe der Person Merkel aufdecken wollen (beide sind bei ERR nachzulesen).

Katrin Laur, estnisch-deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin, emigrierte schon 1982 nach Deutschland, lebte in München und Berlin, hatte zeitweise eine Professur an der "Tallinn University, Baltic Film and Media School" und an der Kunsthochschule für Medien in Köln, arbeitet derzeit auch als freie Autorin. In einem Beitrag für "Eesti Päevaleht" schreibt Laur, Merkel sei immer noch beeinflußt von ihrer DDR-Persektive einer sozialistischen gegen eine westliche Gesellschaft. Diese "Westler" habe sie nie richtig verstanden, nie dort in die Schule gegangen, nie ihren Alltag geteilt - daher seien ihre Entscheidungen immer noch von Populismus und Opportunismus beeinflusst. Merkel könne nicht wirklich nachvollziehen wie es sei, wenn man einen Job verliert oder den Arbeitsplatz wechseln muss. Politische Ambitionen habe Merkel eigentlich nie gehabt - zumindest nicht bis zu dem Moment als sie die Chance bekam (durch Helmut Kohl), welche zu entwickeln. Seit 1990 habe sich Merkel mehr bemüht, den Wünschen der Deutschen zu entsprechen, als wirklich ein eigenes politisches Selbstverständnis zu entwickeln; vieles was sie initiiert und realisiert habe, passe mehr zur Politik der Grünen und der SPD als zu ihrer eigenen Partei CDU.

Angela Merkels Gesicht in der estnischen Presse:
Überaltert, müde, orientierungslos? (Eesti Express)
Damit nicht genug: auch Külli-Riin Tigasson, Journalistin bei "Eesti Express", macht sich offenbar Sorgen um die Phsyche der deutschen Kanzlerin. "kuus käsku" ("sechs Gebote") identifiziert dort die Autorin an Merkel fest (abgesehen davon, dass sich der Ausdruck „Kohli tüdrukuks“ - Kohls Mädchen - auch ganz lustig liest, estnisch).

Ethische Prinzipien seien das, die bei Merkel eben stärker seien als Loyalität zu Parteien. Aus Ehrenhaftigkeit, aus Respekt vor anderen habe sie es abgelehnt, Panik und Aufgeregtheit das Wort zu reden. Eine Pastorentochter eben. Und die Entscheidung, die Grenzen nicht vor dem Flüchtlingselend zu verschließen sei eben eine christlich begründete Entscheidung gewesen.

Estland denkt über Deutschland's Spitzenpersonal nach, letztendlich auch über Europa. Was wiedermal zeigt, dass sich Estinnen und Esten, obwohl wortkarg, doch oft in Perspektiven anderer (oder andere Perspektiven) hineinzuversetzen vermögen. Ob Deutschland genauso intensiv über Estland nachdenkt?

Freitag, August 26, 2016

Ilves bleibt

Nur noch wenige Tage sind es, bis in Estland ein neuer Präsident gewählt wird. Tatsächlich? So wird sich mancher fragen, der in den letzten Wochen immer wieder Präsident Ilves bei verschiedenen öffentlichen Anlässen zugeschaut hat. Ilves, seit dem 9. Oktober 2006 Präsident der Republik Estland, sorgt regelmäßig in der Presse für neue Geschichten, und im Internet für Selfies und Twittersprüche. Wer 75.000 Follower auf Twitter hat, und selbst auch schon mehr als 19.000 Twittersprüche abgesetzt hat, der kann sich wohl mit Recht "Twitterpräsident" nennen lassen.
Präsident Ilves bei seiner Vereidigung im Oktober 2011
Erst kürzlich machte eine Auseinandersetzung mit einem US-Amerikaner Schlagzeilen, der wohl nicht so recht wusste, mit wem er es zu tun hatte (Huffington Post). Oder auch mit Nobelpreisträgern legte sich Ilves bevorzugt (und öffentlichkeitswirksam) per Twitter an. Also, ob nun durch Scheidung und dritte Heirat, durch Selfies auf Musikfestivals, oder als eifrigen Nutzer von Technologien, die in Estland erfunden und entwickelt wurden - Toomas Hendrik Ilves war multimedial sehr präsent.

So gut wie nichts ist dagegen bisher über die erste Runde der Präsidentschaftswahlen außerhalb Estlands bekannt - die erste Runde wird bereits am 29. August stattfinden. Offiziell endet die zweite Amtsperiode von Ilves am 10.Oktober, daher bleibt noch Zeit auf weitere Wahlgänge zu warten. Die 101 Abgeordneten des estnischen Parlaments sind am 29. August aufgerufen, sich für eine oder einen der nominierten Kandidat/innen zu entscheiden. Erhält niemand die 2/3 Mehrheit (68 Stimmen oder mehr), wird es am 30. August eine zweite Wahlrunde geben. Ergibt sich auch dann noch keine Entscheidung, wird eine dritte Wahlrunde angesetzt mit nur noch den beiden stimmenstärksten Kandidat/innen der zweiten Runde, aber mit derselben Voraussetzung: 68 Stimmen (siehe Infos estnische Wahlkommission). Ergibt auch das noch keine Entscheidung, wird etwa ein Monat vergehen, bis ein erweitertes Wahlgremium zusammengerufen wird, zu dem zusätzlich 234 Vertreter der Regionen zusammengerufen werden, also insgesamt 335 Personen. Hier gilt dann die einfache Mehrheit (Info zu bisherigen Wahlergebnissen).

Immer vorteilhaft für's Kandidaten-
dasein: sich rechtzeitig in den
Nationalfarben kleiden (hier: Kaljurand)
Wer steht zur Wahl? Zur Nominierung braucht es die Unterstützung von mindestens 21 Abgeordneten.Nun, der staatliche estnische Nachrichtendienst ERR hat die amtierende estnische Aussenminsterin Marina Kaljurand, die am 6. September 54 Jahre alt wird, bereits zur "idealen Kandidatin" ausgerufen: offiziell ist sie keiner Partei besonders nahe, aber falls der offizielle Kandidat der regierenden Reformpartei, Ex-EU-Kommissar Siim Kallas, scheitern sollte, gilt sie als ideale Wahl besonders für die zweite Wahlrunde. Ihr Ruf als Diplomatin und "estnische Freiheitskämpferin" wurde vor allem 2007 begründet, als sie während der Unruhen rund um die plötzliche Versetzung des Bronzesoldaten in Tallinn estnische Botschafterin in Moskau war und dort von russischen Nationalisten angegriffen wurde (delfi); daher gilt Kaljurand (geborene Marina Rajevskaja) als Kandidatin mit großer Unterstützung unter den Estinnen und Esten - auch wenn es in Estland keine Direktwahl des Präsidenten gibt. Ihre Mutter ist Russin - das setzt sie zwar der Kritik der Rechten aus; aber: eine Frau als Präsidentin - das würde ein wenig dem entgegen wirken, dass zwar zwei Drittel aller Universitätsstudenten weiblich sind, die Parlamentssitze aber nur zu 1/4 von Frauen eingenommen werden.

Siim Kallas, nominiert von der Reformpartei, kann sicherlich als politisches Schwergewicht mit viel Erfahrung gelten, vor allem in Wirtschafts- und Finanzfragen. Als "Anti-Griechenland-Modell" kennzeichnet ERR das, was er für Estland vertritt. Sein Nachteil ist vielleicht, dass er als Bestandteil der estnischen Elite gilt - und das schon sehr lange. Müsste er vom Volk gewählt werden, wäre seine Wahl ziemlich unsicher. Zudem ist er eben nicht der Kandidat der Jugend (er wird am 2. Oktober 69 Jahre alt), und wohl auch nicht der russischsprachigen Minderheit. Es gibt allerdings auch Vermutungen, denen zufolge er unter anderem deshalb als Kandidat benannt wurde, weil die Reformpartei verhindern wollte dass Kallas nach seiner Rückkehr aus Brüssel eine eigene, neue Partei gründet. Ob es da hilfreich ist, nur für eine Amtszeit kandidieren zu wollen?

Mailis Reps (41), die Kandidatin der oppositionellen Zentrumspartei und Mutter von fünf Kindern, wurde relativ überraschend aufs Schild gehoben. Das hat vielleicht damit zu tun, meinen die Kommentatoren der ERR, dass manch andere Führungsfigur dieser Partei, die sich immer gern als Vertreterin der Interessen auch der Russen in Estland ausgibt, als zu kontrovers und umstritten galten. Die ehemalige Bildungsministerin ist also die zweite Kandidatin neben Marju Kaljurand die es schaffen könnte, als erste Frau estnische Präsidentin zu werden. Da sie mit dem lettischen Juristen Agris Repšs verheiratet ist, würde sie für die lettisch-estnische präsidiale Verbindung eine Fortsetzung darstellen - diesmal anders herum.

Dann gibt es noch Allar Jõks (51), Kandidat der kleineren rechtsgerichteten Parteien "Pro Patria", "Res Publica Union (IRL)" und "Vabaerakond" (Freie Partei). Als Ex-Richter gilt er als "Law and Order"-Kandidat, auch als Kandidat derjenigen, die keinen linken, aber auch keinen Kandidat der bisherigen Elite wählen wollen. Er spricht sich für mehr Transparenz in der Politik aus. Die ERR-Kommentatoren notieren jedoch auch, dass er auf der einen Seite zwar wichtige Erfahrungen einbringen könnte wenn es um juristische Fragen geht, aber andererseits auch schon durch sexistische Witze auffiel, was nicht jeden störte, aber fragen aufwirft was das erwünschte Benehmen eines Präsidenten angeht.

Ob der estnische Rechtsaußen Mart Helme (66), ein Donald-Trump-Fan, als Kandidat seiner EKRE-Partei (Konservative Volkspartei) wirklich Chancen hat, muss abgewartet werden. EKRE-Ehrenvorsitzender ist immerhin Ex-Präsident Arnold Rüütel.

Bleibt noch Eiki Nestor, Kandidat der sozialdemokratischen Partei, mehrfacher Ex-Minister, wird am 5.September 63 Jahre alt. ERR stuft ihn als Kandidat der eher traditionellen Statur ein, Vaterfigur und "elder Statesman". Eher vom Typ Arnold Rüütel als Hendrik Ilves. Von ihm würde man sicher keine skandalösen Tweets auf Twitter erwarten (befürchten) müssen, aber soll man sich einen unauffälligen, ehrenhaften Präsidenten wirklich wünschen? Die Wahlrunden werden zeigen, wo die Vorlieben liegen, und welche Wahlkoalitionen sich vielleicht bilden. Wahrscheinlich ist, dass Ilves Estland noch ein paar Woche erhalten bleibt - bis zum Oktober.

Mittwoch, Juli 27, 2016

Steuerfrei in die Muckibude

Gehören Sie auch zu denjenigen, die sich nach getanem Tageswerk noch träge, schlapp und faul fühlen und dies mit einem Stündchen Muskeltraining im Fitnessklub bekämpfen möchten? Einem Gesetzentwurf in Estland zufolge sollen zukünftig Arbeitgebern ihren Angestellten bis zu 400 Euro jährlich Zugang zu Fitnessklubs gewähren dürfen - steuerfrei. "Die Arbeitgeber werden mehr Möglichkeiten bekommen, etwas für die Gesundheit ihrer Leute zu tun," ließ sich Finanzminister Sven Sester zitieren (Baltic Times).

Eines der beliebtesten Volkssport-Events in Estland, Jahr
für Jahr: die Tartu Rattaralli (Tartu Marathon)
Es muss aber nicht die Muckibude sein: auch die Teilnahme an Volksport-Events oder die Beanspruchung eines Psychotherapeuten soll steuerabzugsfähig werden. Ausgaben bis maximal 100 Euro pro Quartal und 400 Euro jährlich sollen dann möglich anzurechnen sein. Dem Gesetzesvorschlag zufolge soll diese Regelung zunächst für 5 Jahre eingeführt und der Effekt dann zunächst evaluiert werden.

Vielleicht hat sich der gute Herr Sester die Idee in den USA abgeschaut; dort gilt allerdings noch zwei zusätzliche Vorbedingungen: steuerfrei ist die Fitnesseinlage nur dann, wenn sie erstens zum Ausgleich einer Gesundheits-Beeinträchtigung eingesetzt wird, und zweitens der Betroffene vor Beginn der Maßnahme NICHT schon Mitglied in einem entsprechenden Klub war (US Tax Center). In Kanada dagegen ist vor allem dann eine Steuerbegünstigung nicht möglich, wenn der Arbeitgeber die Möglichkeit grundsätzlich allen Angestellten zur Verfügung stellt (Gov.of.Kanada) - genau das aber wollen die Esten tun. In Australien dagegen ist die Regelung ähnlich, bis zu 300 Dollar an Ausgaben sind abzugsfähig (Australian Taxation Office). In Deutschland ist § 3 Nr. 34 EStG maßgebend: bis zu 500 Euro an "Leistungen des Arbeitgebers zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands" bleiben steuerfrei.

Ob die Esten hier ihren Fitnessklub-Besitzern unter die Arme greifen, oder sich nur dem international üblichen Standard anpassen wollen, bleibt indes vorerst unklar. Estinnen und Esten, bleibt gesund!

Donnerstag, Juni 30, 2016

Britain out, Estonia early in?

nach dem Brexit: noch keine
Übergabe-Modalitäten
von David zu Taavi
Der durch Volksabstimmung festgelegte, absehbare Ausstieg der Briten aus der EU wird auch aus Estland mit sorgenvoller Ungeduld beobachtet. Nicht etwa, weil Estinnen und Esten nun auch austreten wollen - nein, im Gegenteil. Die EU schließt sich enger zusammen, und blickt auf dringende Aufgaben. Das für die estnische Aussenpolitik wichtigste Ereignis auf der Agenda der EU-Politik wäre die EU-Ratspräsidentschaft, die für die erste Hälfte 2018 anstehen würde (siehe "Action plan"). Scheiden aber die Briten aus, gerät dieser Zeitplan durcheinander - und die Esten müssten schon sechs Monate früher ran.

Schon allein das für die Präsidentschaft benötigte Personal deutet die Notwendigkeit genauer Planungen an: mit 1300 Personen rechnete das estnische Aussenministerium, die für die Abwicklung und Koordiníerung von EU-Arbeitsgruppen und Gremiensitzungen nötig sind. Allein 500 Personen werden dafür benötigt, Arbeitsgruppen oder EU-Ausschüsse entweder zu leiten, oder stellvertretend tätig zu sein. Diese Leute müssen gut vorbereitet werden, dass kostet Geld und Zeit. Im Jahr 2015 waren insgesamt 479 Estinnen oder Esten bei EU-Instutionen tätig - Erfahrungen, die während der Präsidentschaft dringend gebraucht werden (siehe "personnel strategy"). Dabei werden bei der Suche nach guten Fachkräften u.a. auch deren notwendige Englisch-Kenntnisse hervorgehoben. Zitat: "Wünschenswert sind drei Jahre Arbeitserfahrung in englischsprechender Umgebung." (personnel strategy). Ziehen also auch die englischsprachigen estnischen Fachleute bald von England nach Brüssel um? 

Als "Examen eines EU-Mitgliedslandes" hatte schon 2015 der damalige estnische Botschafter in Brüssel, Mati Maatikas, die Präsidentschaft genannt (ERR). Innerhalb dieser sechs Monate sind zwischen 150 und 200 Sonderveranstaltungen in Estland geplant, europäische Events und Kongresse, deren Termine auch bereits vorfestgelegt waren - bisher. Nun ein vorgezogenes Examen? Für alles müssten neue Termine gefunden werden - wenn sich denn die Briten mal entscheiden würden, bzw. die konkreten Konsequenzen daraus absehbar wären. Momentan sieht es so aus, als ob Großbritannien die vorgesehene EU-Präsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2017 nicht wahrnehmen wird. GB out  - Estland's early in. Die Webseite zur EU-Präsidentschaft haben die Esten jedenfalls schon heute bereit gestellt. Was aber wohl kein Anzeichen dafür ist, dass die Esten diese Aufgabe rein virtuell angehen wollen. Presseberichten zufolge käme auch noch eine Teilung der Präsidentschaftsaufgaben zwischen Malta, die 2017 vor den Briten dran wären, und Estland in Frage (EUobserver, politico). Allerdings steht für Estland gleichzeitig auch noch eine andere Aufgabe an: das 100-jährige Bestehen der Unabhängigkeit Estlands soll gleich drei Jahre lang gefeiert werden: vom April 2017 bis Februar 2020 (siehe Webseite).

Donnerstag, Juni 16, 2016

Eine wahre Frau der Feder

Kennen Sie Ellen Hiob? Vielleicht Ellen Niit? Eine der bekanntesten estnischen Schriftstellerinnen, Geschichten-schreiberinnen, Übersetzerinnen und Autorin zahlreicher Kinderbücher starb am 30.Mai in Tallinn im Alter von 87 Jahren.

Neben Viivi Luik ist Ellen Niit eine der bekanntesten schreibenden Frauen des estnischen Kulturlebens. Deutschsprachige Leserinnen und Leser müssen zumeist auf Kinderbücher zurückgreifen, die noch zu DDR-Zeiten erschienen sind: Pille-Riin, Triinu und Taavi hießen damals die Kinderhelden - manche nannten sie auch die Astrid Lindgren Estlands.
Den "großen Maler" gibt es auch als Animationsfilm, vertont von Vaiko Eplik, produziert von Aina Järvine und Meelis Arulepp. Übersetzungen ins Deutsche unternahm Ellen Niit teilweise selbst. Neben dem Russischen muss die Beschäftigung mit der ungarischen und der finnischen Sprache besonders interessant gewesen sein, gilt diese Sprache doch als dem Estnischen verwandt.

Auch Jaan Kross war 87 Jahre alt, als er 2007 starb. Seit 1958 war Ellen Niit mit ihm in zweiter Ehe verheiratet gewesen (auf YouTube ist tatsächlich ein Eindruck der beiden aus dem Jahr 1960 zu bestaunen). In der Wohnung der beiden, gleich in der Tallinner Altstadt, sind so manche Gäste - auch aus Deutschland - bei Tee und Keksen zu Gast gewesen.
Jaan und Ellen Kross reisten gemeinsam durch Ägypten und ie Türkei und schrieben dasrüber. Cornelius Hasselblatt macht die Bedeutung Ellen Niits in seiner "Geschichte der estnischen Literatur" auch an ihren Gedichten fest, die in Sowjetestland zunächst nicht erscheinen konnten, und durch die Diskussionen, die sie auslöste.

Rühr die Feder nicht an!
Den halben Morgen bin ich
auf einem Bein
auf ihrem glänzenden Stiel
auf und ab gehüpft
wie über einen winzigen Balken, 
fallend, lachend und wieder hüpfend.
Rühr die Feder nicht an, 
sie schreibt heute wer weiß was!
(aus: "Vom Ursprung des Lieds" - Paekivi laul, Lied des Kalksteins, Tallinn 1998. Enthalten in ESTONIA, Jahrbuch estnischer Literatur 2007, Hempen-Verlag Bremen)

Dienstag, Mai 24, 2016

Estnischer Tiroler?

Der neue Präsident der Republik Österreich hatte estnische Vorfahren - ein besonders enges Verhältnis zum heutigen Estland gibt es aber offenbar bisher nicht. Oder sind die Wurzeln eher russisch, wie auch prompt das Portal "Russland.ru" meldet?

"Er bezeichnet sich als 'Flüchtlingskind', obwohl er in Wien geboren ist und auch jetzt wieder seit längerer Zeit in Wien wohnt," so formulieren es van der Bellens Kritiker.
Geboren wurde er wohl als estnischer Staatsbürger - als seine Mutter Alma (geborene Siebold, eine Russland-Deutsche) mit dem kleinen Alexander 1944 in Wien ankam, galten sie als estnische Flüchtlinge. Ursprünglich hatte die Familie holländische Wurzeln, und war 1917 schon einmal gefohen: die gutbürgerlichen, kleinadeligen Vorfahren wollten nichts mit den Bolschewiki zu tun haben, änderten den Namen "von Bellen" in Berufung auf das Niederländische in "van der Bellen" und gingen ins unabhängige Estland. Alexander van der Bellens Vater, ein Bankmanager, wurde 1934 estnischer Staatsbürger. 1940/41, als die Sowjets Estland besetzten, konnten die van der Bellens offenbar die Vereinbarungen des Hitler-Stalin-Paktes nutzen; wer als "Volksdeutscher" galt, konnte ausreisen. Zunächst ging es nach Laugszargen in Ostpreußen (heute Lauksargiai / Litauen), dann in ein Flüchtlingslager in Werneck (zwischen Würzburg und Schweinfurt gelegen). Schließlich weiter nach Wien, wo 1944 der Sohn Alexander geboren wurde. Als sich die Rote Armee näherte, ging die Familie noch weiter nach Tirol (van der Bellen: "mit mir als Baby im Rucksack"), ins Kaunertal in den Ötztaler Alpen.1958 erhielt Alexander van der Bellen die Staatsbürgerschaft Österreichs.

Über seine Wahl zum Bundespräsidenten freuen sich, der österreichischen Presse zufolge, sowohl Esten wie auch Russen; estnische Verwandte wie auch Menschen aus dem russischen Pskov, der Geburtsstadt der Eltern (Tiroler Tageszeitung). Es werden auch positive Aussagen zweier estnischer Politiker zitiert, Sven Mikser und Urmas Paet. Einer Auskunft des estnischen Aussenministeriums zufolge kann van der Bellen tatsächlich nicht nur theoretisch auch heute noch als Este gerechnet werden: Kinder von Bewohnern des 1940 besetzten unabhängigen Estlands, die vor dem 16. Juni 1940 über die estnische Staatsbürgerschaft verfügten, haben automatisch Anspruch auf die Staatsbürgerschaft des heutigen Estlands.

Zu den politischen Gegnern gehört - außer der Freiheitlichen Partei FPÖ - sicherlich auch ÖVP-Politiker Herwig van Staa, der einst behauptete, van der Bellens Vater sei ein Nazi gewesen (siehe "der Standard"). "Tarnen, Täuschen und Tricksen – Alexander van Bellen ist ein Rattenfänger" - so werden FPÖ-Politiker zitiert. Andere werden wohl (ganz im Sinne von Putin-diktierten Medien) sagen wollen: "Wie kann man denn vor den Befreiern fliehen?" - Angekreidet wird van der Bellen außerdem, dass er sich zum Dienst im österreichischen Bundesheer zwar mustern ließ, der Dienstantritt aber dann wegen Studium, dann wegen Heirat immer wieder verschoben wurde. Und bei Pressekonferenzen schauen Journalisten manchmal ganz genau hin - und notieren zum Beispiel, wenn van der Bellen keinen Ehering trägt, obwohl er verheiratet ist (zum zweiten Mal - nach seiner ersten Frau Brigitte, mit der er einen Sohn hat, nun mit Doris Schmidauer, einer Parteikollegin bei den Grünen - siehe news.at).

Zu namentlichen Unterstützern der Wahlkampagne Alexander van der Bellens zählen die auch in Deutschland bekannten Reinhold Messner und André Heller.

Also: wir sind gespannt auf die neuen Aspekte der Beziehungen zwischen Estland und Österreich. In einem Interview mit der Kronen-Zeitung verriet van der Bellen, dass er noch nie gemeinsam mit seinem Sohn in Estland war - das kann ja noch kommen! 

Webseite Alexander van der Bellen

Mittwoch, Mai 18, 2016

Marina, Mailis oder lieber Siim?

manch eine Politiker/innen-
Karriere sähe mit einem
Präsidentenauftrag sicher
sehr viel glänzender aus ...
Eine gefühlt Ewigkeit ist nun Toomas Hendrik Ilves Präsident der Republik Estland; da er ja auch vor Amtsübernahme bereits Politiker und Außenminister war, wird die für Herbst 2016 anstehende Neuwahl des estnischen Präsidenten vielleicht etwas Umgewöhnung notwendig machen. Noch ist nicht absehbar, wer erfolgversprechenster Kandidat oder Kandidatin werden könnte.

Zumindest international sind die bisher bekannten Kandidaten ziemlich unbekannt. Mailis Reps, zweifache Ex-Bildungsministerin (mit wechselnden Haarfarben), wurde unlängst von der Zentrumspartei zur Präsidentschaftskandidatin gekürt (ERR, Postimees). Sie bringt eine interessante familiäre Voraussetzung mit: sie ist mit einem lettischen Anwalt verheiratet (Agris Repšs). Würde sie gewählt, fände eine estnisch-lettische Verbindung im Präsidentenamt eine Fortsetzung (Ilves ist in dritter Ehe mit der Lettin Ieva Kupce verheiratet).

Auch Ex-EU-Kommissar Siim Kallas gilt als Kandidat fürs Präsidentenamt, und schaut auf seiner eigenen Webseite schon mal zuversichtlich-präsidial in die Zukunft.
Allerdings wählt in Estland das Parlament den Präsidenten - und die (mit)-regierende Reformpartei scheint außer Kallas auch Außenministerin Marina Kaljurand für eine gute Kandidatin zu halten - dass sie nie eine Mitgliedschaft in der Reformpartei angestrebt hat, gilt für die Ex-Badminton-Sportlerin offenbar nicht als Nachteil, und ihr Plus ist jahrelange diplomatische Erfahrung. Auch bei ihr wäre ein gemischter ethnischer Hintergrund gegeben: der Vater war Lette, die Mutter Russin. Kaljurand gilt als beliebt und baut auf gute Umfragewerte (ERR). Auch Europaparlamentarier Indrek Tarand, 2011 noch selbst Präsidentschaftskandidat, sprach sich in einem Interview zugunsten von Kaljurand aus.
Kallas, der schon zu sowjetestnischen Zeiten seine politische Karriere aufbaute, 2002/2003 kurz Ministerpräsident, hätte das Amt des Regierungschefs als Nachfolger von Andrus Ansip auch 2014 gerne wieder übernommen - aber diese Aufgabe übernahm dann Taavi Rõivas.
Auch der langjährige Ex-Außenminister Urmas Peat erklärte sich bereit zu einer Kandidatur (ERR) - auch er ist Mitglied der Reformpartei, hat aber offenbar weniger Unterstützer hinter sich. Von den übrigen im estnischen Parlament vertretenen Parteien (Sozialdemokraten SDE, Freie Partei EVA und Konservative Partei EKRE) ist bisher nur bekannt, dass sich alle für einen möglichst überparteilichen Kandidaten ausgesprochen haben; die "Pro-Patria- und Res-Publica-Union" (IRL) scheint eher mit sich selbst zu tun zu haben und mit Umfrageergebnissen, welche die Partei unter 5% Wählerzustimmung sehen. Auch der Name von Schriftsteller und Kurzzeit-Verteidigungsminister Jaak Jõerüüt wurde schon einmal als möglicher Kandidat genannt, scheint aber außer bei der Freien Partei kein großes Wohlwollen zu genießen.
Mindestens 21 Parlamentsabgeordete müssen eine Kandidatur unterstützen um zugelassen zu werden - am Ende wird es also eine recht übersichtliche Anzahl Präsidentschaftsanwärter und -anwärterinnen sein. Die Wahl eines neuen estnischen Präsidenten ist für den 29. August vorgesehen.

Info zu den estnischen Präsidentschaftswahlen (engl.)

Mittwoch, April 13, 2016

Pan-Estland

Warum ist aus estnischer Sicht so wenig über Erkenntnisse aus den Veröffentlichungen der "Panama-Papiere" zu hören, zu lesen oder zu sehen? Es liegt zunächst daran, dass in der internationalen Recherchegruppe kein estnischer Journalist dabei war (International Consortium of Investigative Journalists ICIJ) - immerhin ein ein Netzwerk von 160 Journalisten in etwa 60 Ländern. Hat Estland keine guten, unabhängigen Journalisten, die ausreichend unabhängig von Regierung oder Wirtschaft arbeiten?

Estnische Medien sehen das Thema aus anderer Perspektive: nur 22 Begünstigte, 80 Anteilseigner und "nur" 800 estnische Firmen werden in den "Panama-Papieren" erwähnt. "Wir sollten uns erinnern, dass Estland doch einen recht kleinen Markt darstellt" (Journalist Anvar Samost bei ERR) - solche Aussagen hat man von den sonst so selbstbewußten Esten lange nicht mehr gehört. Beliebt sind auch Vergleiche mit den südlicheren baltischen Schwestern: während von lettischer Seite darauf hingewiesen wird, dass die vielen Einzeleinträge von Transaktionen bei lettischen Banken vor allem von Kontoinhabern getätigt wurden, die nicht Staatsbürger Lettlands sind (wodurch diese Geschäfte allerdings nicht besser werden), wagt der estnische Kollege Samost zart anzudeuten: auch in Estland könnte es Korruption geben.

Wer sich wegen seiner Geschäftsbeziehungen mit Panama Sorgen macht, solle doch einfach die estnischen Steuerbehörden kontaktieren, meint Rainer Laurits, Sprecher des Finanzministeriums gegenüber der "Baltic Times". In Estland gelte das Steuergeheimnis, betont er, und das gelte selbst dann, wenn gegen bestimmte Personen Ermittlungen in Gang gesetzt werden sollten. Ob also die Wirtschaft Estlands - das sich ja selbst immer wieder als Land niedriger Steuern und geringer Belastungen für Unternehmen positioniert hat - ob es also Bezüge estnischer Firmen zu Mossack Fonseca gibt: das hat offenbar noch gar keiner so richtig untersucht. Leise und vorsichtig ist zwischen den Zeilen aus den spärlichen Kommentaren in der estnischen Presse herauszulesen: da es noch keine skandalösen Überraschungen gab, ähnlich wie Island oder Großbritannien, hoffen wir mal dass es zumindest keine estnischen Politiker/innen betreffen wird.

Estnische Finanzmarkt-Experten wie Aivar Paul hoffen sogar darauf, dass Estland der neue Ort für Anlageinteressierte werden könnte (delfi.ee); Panama-Nachfolger sozusagen. Schließlich sei eine Unternehmensgründung in Estland sehr einfach, und dank der Möglichkeiten einer "virtuellen Staatsbürgerschaft" stünden Firmen dann viele Dienstleistungen offen. - Na, dann muss der Kindervers wohl umgeschrieben werden: "Oh, wie schön ist Pan... - Estland!"

Gerade diese einfache Art, Firmen gründen zu können, geriet ja in den Fokus von Verdächtigungen - wenn zum Beispiel allein auf den Britischen Jungferninsels 481.000 Firmen registriert sein sollen (Spiegel). Unter den EU-Mitgliedstaaten ist da Estland, neben Malta, Liechtenstein, San Marino, Zypern, der Isle of Man, Guernsey und Jersey, Island und Gibraltar auch Eesti ein Land mit sehr vielen Firmen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Estland-Freunde werden vielleicht hoffen, dass Aussagen wie die vom GRÜNEN-Europapolitiker Sven Giegold nicht auch auf Estland zutreffen: "Nur für kleine Staaten rechnet sich das Steuergeschäft; Sie verkaufen ihre Souveränität an Vermögende und richten anderswo Milliardenschäden an." (zitiert nach: Spiegel)

Dienstag, März 15, 2016

Echt bärig!

Nein - keine Waldkapelle, und kein Örtchen für's
dringende Bedürfnis - eher eine Mensch-Versteck-Station
in Meister Petz' Revier
Estland, das Land des baltischen Tigers, des freien Internets und der frisch restaurierten Gutshöfe - zuviel Klischees? Fürs neue Jahr hat die estnische Tourismusindustrie noch mal tief in die Ideenkiste gegriffen und bietet etwas an, was nicht jede touristische Destination hat - in Europa schon gar nicht: Besichtigung beim Bären. Hier verbirgt sich hinter "Mietung von Deckung" ein Besuch bei Meister Petz: für einen guten Schuß - mit dem Fotoapperat.

"Haben Sie schon mal im Wald einen Bären getroffen?" fragte "VisitEstonia" schon 2010, und versprach gleichzeitig eine Wahrscheinlichkeit von über 90%. In diesem Fall ist dann meist ein Waldgebiet nordöstlichen Landkreis Ida Virumaa gemeint: Alutaguse. Zwischen Hochmoor und Sumpf sollen hier etwa 100 Bären leben - und dieses Angebot haben schon etliche Reiseveranstalter als Attraktion ins Programm genommen.

Nun wäre ein Ausflug mit Tierbeobachtung das eine - aber hier sollen die Gäste im Bärenrevier auch übernachten. Ein Quartier, was bei "VisitEstonia" noch "gemütlich und bequem" genannt wird, im Falle konkreten Interesses aber mit Vorsichtsmaßnahmen bedacht wird: keinen Lärm machen, keine stark riechenden Parfums benutzen, nicht nachts die Schutzhütte verlassen - so ist es auch in den zugänglichen Erfahrungsberichten nachlesbar.
Für alle, die sich daher erstmal langsam herantasten wollen, weist der "Looduskalender" auch auf andere tierische Sehenswürdigkeiten hin: Zwergschnepfen, Moorschneehühner, Bartkauz, Flughörnchen oder Wölfe - "Alutaguse von seiner ganz eigenen geheimnisvollen Aura umgeben", so die estnischen Naturschützer.

Leider enden die Angebote aber nicht bei der Tierfreundlichkeit. Als "einzigartiges Erlebnis" feiern auch die Jäger ihr privates Vergnügen - die Bärenjagd. Hier wird die Zahl der Bären in Estland auf 800 geschätzt, und behauptet "diese Zahl steige erheblich". Also Bärenschwemme in Estland? Jäger aus dem Ausland befreien die Estinnen und Esten von ihrer Not? Daran darf gezweifelt werden - eher wahrscheinlich ist auch hier eine vielversprechende und sichere Einnahmequelle für die Veranstalter. Vor allem im August, September und Oktober verschwinden also mindestens zweierlei Interessierte in den estnischen Wäldern: die einen mit Zooms und Speicherkarten, und auch die anderen machen Fotos: Beweisfotos vom Mensch als Ordner und Richter über Leben und Tod. Zählt man die auf den Seiten verschiedener Anbieter die Abschußstatistiken zusammen, so wurden 2007 in Estland 27 Bären erschossen, 2008 waren es 37, 2010 schon 65. Die Jagdveranstalter werben mit "flexiblen Preisen", "hoher Trophäenmöglichkeit" und "Extrapakete für Ihre Begleitung und Ihre Kinder, damit auch sie den Urlaub genießen" (Märchen von Meister Petz vorlesen, während Pappa im Wald ist?). An Verboten wird an dieser Stelle nur eines genannt: "Jagd mit Bogen und Armbrust".

Vielleicht ist die freie Natur in Estland einsam und menschenleer genug, dass Tierfreunde und Tierjäger sich nicht über den Weg laufen werden - allerdings sollte die estnische Tourismuswerbung vielleicht auch etwas sensibler mit dem Thema umgehen. Die im Internet einsehbaren "Dankesbriefe" der Jagdgäste sprechen bisher dafür, dass gewöhnlich eher Elche gejagd werden (was ja auch in Skandinavien eine weit verbreitete "Leidenschaft" ist). Estland hat schon manches Thema neu erfunden und erfolgreich zur Imagewerbung genutzt - wenn sich allerdings herausstellen sollte, dass lokale Veranstalter für die einen die süßen Bären fürs Fotoshooting herausputzen, um dann seine Gewohnheiten und Aufenthaltsorte so genau zu kennen, um die Tiere den nächsten Besuchern vor die Flinte treiben zu können, hätten die angeblichen Naturschätze Estlands in beiden Fällen eine große Gemeinsamkeit: sie wären lediglich Objekte zum Geldmachen geworden.
Alutaguse hat sich flexibel aufgestellt: auch ein "Abenteuerpark" wurde hier fertig gestellt, der vielseitige Angebote anderer Art bietet: Kletterstrecken im Wald, ein Sportzentrum mit Schwimmbad, Sauna und gesunder Ernährung - mit einer Vielzahl von Spielen und Unterhaltung. Typisch estnisch eben.