Mittwoch, Mai 16, 2018

Eestimaa - hundimaa = Wolfsland

Estland hat eine Nationalblume (die Kornblume), einen Nationalvogel (die Rauchschwalbe), einen Nationalfisch (der Strömling), einen Nationalstein (Kalkstein), und sogar einen National-Schmetterling (nach Abstimmungsergebnissen aus dem Jahr 2017 soll es der Schwalbenschwanz sein - estnisch "Pääsusaba"). Und nun endlich, nach fast fünf Jahren andauernder Diskussion, wurde auch über ein estnisches National-TIER entschieden - es soll der Wolf sein.

Es soll eine hitzige Diskussion gewesen sein: Vertreter/innen von 20 Naturschutz- und Kulturorganisationen saßen jahrelang zusammen, um sich über ein estnisches Nationaltier zu einigen. Schließlich entschied eine Mehrheit für den Wolf, als Symbol für unberührte Natur, der seit Hunderten und vielleicht Tausenden von Jahren schon die Wiesen und wälder beherrscht. "Der Wolf ist ein Indikator intakter Natur und spiegelt das estnische Naturverständnis wieder", so die Befürworter. (Postimees)

Welches Tier wäre denn als Alternative in Frage gekommen? Storch, Bär und Elch reklamiert auch Litauen für sich (Storch als Nationaltier, der Bär im Wappen Žemaitijas, der Elch als Symbol der Kurischen Nehrung). Elche wären ja auch durch Skandinavien schon genug strapaziert. Nun ja, der Bär - es soll in Estland immerhin etwa 800 geben - ist vielleicht auch zu sehr bekannt in seiner Version als "russischer Bär" - da haben alle schönen Geschichten von durch Estland wandernde Bären wohl keine Chance. Nein, weder Biber, Fuchs, Dachs oder Luchs wäre der Gegenvorschlag gewesen - wohl aber der Igel! Denn wer das Nationalepos "Kalevipoeg" gelesen hat, der kennt den Igel als klugen Ratgeber des großen Helden - ein wichtiges Argument! Schließlich soll der Igel, der Sage zu Folge, sein "dornenbesetztes Röckchen" nur deshalb tragen, weil Kalevipoeg es ihm zum Dank schenkte.

Am Ende jedoch siegte der Wolf - zumindest bei dieser Abstimmung unter Naturfreunden; vielleicht ist er nicht im Kalevipoeg nicht so positiv erwähnt, aber doch in sehr vielen estnischen Volkssagen präsent. 200 Wölfe in 20-25 Rudeln soll es derzeit in Estland geben. Dem Estnischen Jagdverband zufolge werden jedes Jahr auch 100-150 Wölfe geschossen - mit Jagderlaubnis. "Gut organisiert sind winterliche Lappjagden auf Isegrim", schwärmt die Zeitschrift "Jagen weltweit". Angesichts des potentiell weit verbreiteten Kundenkreises deutscher Jäger in Estland ist naheliegend, dass der Wolf in Deutschland niemals Nationaltier werden kann: "Einen ehrlichen Interessenvertreter hat der Wolf hierzulande nicht," bilanziert DIE ZEIT die Diskussion in Deutschland.

Es gibt auch andere Anlässe, Estland als "Wolfsland" zu identifizieren: dem estnisch-lettischen Film mit Autor und Sänger Jaan Tätte über Natur in Estland gab der NDR (und auch der estnische Regisseur Urmas Eero Liiv) schon 2006 den Titel: "Estland - Wölfe, Biber, Bären." Wer will, kann es ja als Prioritätenliste sehen.
Es gibt auch Stimmen, die mit geschichtlichen Fakten die Angst der Menschen vor Wölfen bearbeiten wollen. "Vor 140 Jahren haben Wölfe noch Menschen gefressen", schrieb der Wissenschaftsjournalist Villu Pärt in einem Blog der Universität Tartu. "Im 18. und 19. Jahrhundert war das Nahrungsangebot in Estland sehr viel geringer," schreibt er, und beruft sich einerseits auf die historischen Schriften von Jakob Benjamin Fischer, einem deutschbaltischen Naturforscher Ende des 18. Jahrhunderts. Andererseits hat mit Ilmar Rootsi auch ein junger estnischer Wissenschaftler die Beziehungen zwischen Mensch und Wolf untersucht. In früheren Zeiten seien unter anderem auch deshalb manchmal Kinder zu Opfern von Wölfen geworden, weil eben auch schon Kinder als Hirten eingesetzt waren, die Schafs- oder Kuhherden bewachen mussten, oft ganz allein. Die beiden letzte Todesfälle in Verbindung mit einem Wolf sollen sich in Estland 1853 und 1873 zugetragen haben: das Opfer im ersten Fall war fünf Jahre alt, im zweiten neun.

Nun ja, den Wolf in Estland als weit verbreitet anzusehen, kann jedenfalls nicht falsch sein. Es kann ja den Estinnen und Esten nicht "verordnet" werden, ihr nun "demokratisch gewähltes" Nationaltier auch lieben zu müssen. - Warum ausgerechnet der Schwalbenschwanz zu Estlands Schmetterling gevotet wurde, versuchten es die initiatoren so zu begründen: "Ganz so wie die Esten sich gerne auf den Berghängen versammeln, um zusammen zu singen, versammeln sich auch die Schwalbenschwänze auf ihren Balzflügen oft auf Bergspitzen." (Looduskalender) Nur das es in Estland eben keine "Bergspitzen" gibt.

Bliebe eigentlich nur noch, vor sprachlichen Falltüren in Estland zu warnen: der "koer" ist der estnische Name für Hund - "hunt" jedoch ist: der Wolf. Trickreich ist, dass es auch einen "Hundikoer" gibt: den Wolfshund.

Dienstag, Mai 15, 2018

Wo 100 sind, können 200 werden

Kaum hat sich die internationale Öffentlichkeit daran gewöhnt, dass Estland im Jahr 2018 seine 100 Jahre Unabhängigkeit feiert - also Estland 100 - da kommt schon ein neues Schlagwort auf. Was sollen wir bei den 100 stehen bleiben? Lasst uns über Estland 200 nachdenken! Diese Suche nach neuen Zielen hat wohl auch damit zu tun, dass in 10 Monaten in Estland Parlamentswahlen anstehen.

Es ist ein sogenanntes "Manifest", was da veröffentlicht wurde: unterschrieben und veröffentlicht haben es fünf Autorinnen und Autoren: Priit Alamäe, ein Geschäftsmann aus dem IT-Business, Kristiina Kallas, Direktorin des Narva Colleges der Universität Tartu, Indrek Nuume, ein Bankdirektor, Küllike Saar, Direktorin der Kinderstiftung an der Uniklinik Tartu, und Kristiina Tõnisson, Direktorin des Johan-Skytte-Instituts für Politikwissenschaften in Tartu.

Dunstkreis Tartu also? Politische Erfahrung aus der Arbeit in Parteien hat von den fünf Initiator/innen nur einer: Priit Alamäe war 20 Jahre lang Mitglied der "Pro Patria and Res Publica Union". Kristiina Kallas ließ sich mal für die Liste der Sozialdemokraten für Regionalwahlen aufstellen, wurde aber nicht gewählt. Über die Namen der Initiator/innen hinaus soll es weitere etwa 40 Unterstützer/innen geben. Eingeladen sei jede/r mitzumachen - allerdings solle die Motivation nicht sein "einen Job im Parlament zu wollen." Aber eine Parteigündung wird ebenfalls nicht ausgeschlossen.  "Wir sind fokussiert auf Ideen - eine Weltsicht war bisher nicht notwendig für uns", so lässt sich Kristiina Kallas in der Presse zitieren.

ganz sicher nichts mit dem politischen Manifest
"Eesti 200" zu tun hatte dieser Post der finnischen
Botschaft auf Twitter: hier wurden einfach mal
die Geburtstage der beiden Länder zusammengezählt
Was also sind die Ziele? Sicher nicht nur eine Twitter-Diskussion. Man wolle eher Probleme ansprechen, als Ideologien pflegen, sagen die Manifest-Verfasser/innen. Also so ähnlich wie "durch Estland soll ein Ruck gehen"? Geboten wird zunächst eine Analyse: Estland werde in den kommenden Jahrzehnten weniger Einwohner/innen im arbeitsfähigen Alter haben, auch weniger Bevölkerung insgesamt, bei weiter ansteigenden Ansprüchen an den Lebensstandard - in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Verkehr und staatliche Verwaltung seien schwierige Entscheidungen zu treffen. Es bedürfe Chancengleichheit in allen Landesteilen, und die Regierung müsse Reformen schnell und effizient umsetzen. Interessant auch die Idee des Manifests, statt russische und estnische Schulen parallel solle es zukünftig ein einheitliches estnisches Schulmodell in Estland geben (siehe: "Postimees").

Es gibt aber auch kritische Stimmen. "Solche scheinbaren Patentrezepte nach diesem Muster sind in Estland bereits zu genüge bekannt," kommentiert Politikwissenschaftlerin Oudekki Loone, Parlamentsmitglied der Zentrumspartei. "Weg mit den roten Linien, setzt den Staat auf Schlankheitsdiät, lasst die Menschen sich selbst um ihre Gesundheit kümmern, und lasst uns mit neuen Technologien das Leben einfacher machen - das ist nicht mehr als eine neue Reformpartei, genauso war "Res Publica" oder die Freiheitspartei." (ERR) Es reiche nicht, einfach zu sagen: alle guten Leute sind Freunde, und bitte dem Unternehmer keine Bürokraten in de Weg stellen, meint Loone. "Zu viele von uns haben seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit nichts als Kartoffelschalen gegessen. Und wer bei uns früher von Freiheit träumte, dachte auch dies sei mehr als nur die Freiheit ein Unternehmer sein zu dürfen." Loone sprach sich dafür aus, Estland in Richtung eines Sozialstaats zu entwickeln, sowie eine eigene estnische Investmentbank zu gründen, um kleinere und mittlere Unternehmen außerhalb Tallinns besser unterstützen zu können.

Freitag, April 27, 2018

Gemälde als Wandschmuck

Als kürzlich ein Gemälde des estnischen Künstlers Tiit Pääsuke aus dem Verwaltungsgebäude der Bezirksregierung in Järva (Zentralestland) verschwand, bemerkte es lange Zeit niemand. Wegen Reparaturen im Rathaus wurde es zunächst in einer Garage zwischengelagert, und offenbar war es reine Glücksache, dass es dort nicht zu Schaden kam. Schließlich verschwand das Bild ganz aus der Garage - und tauchte später bei Kunsthändlern wieder auf. In diesem Fall immerhin ein Bild mit einem Marktwert von 10.000 Euro. - Dieser Fall warf die Frage auf: welche estnischen Kunstwerke hängen eigentlich noch anderswo in öffentlichen Gebäuden?

Quelle:
kunstikeskus.ee
Schnell stellte sich heraus: zu vielen davon, was so an den Wänden in Rathäusern, Behörden und Kulturhäusern hängt, gibt es wenig oder gar keine Dokumentation - in ganz Estland nicht. Schenkungen, Ankäufe? In Järva wurden jetzt Mitarbeiter/innen der Finanzverwaltung beauftragt, um den Bestand genau zu erfassen. Inzwischen steht fest, dass in verschiedenen Gebäuden des Bezirks Järva insgesamt sechs Kunstwerke hängen, die bisher nicht erfasst wurden. Auch ein Ölgemälde von Ants Viidalepp wurde gefunden, ein Motiv aus einem Roman von Anton Tammsaare darstellend - Eigentümer unbekannt.

Aktuelle Ausstellung in der
Kunsthalle Tallinn
Im estnischen Fernsehen wurden Vermutungen laut, dass manche Beamte, aufgefordert die Bestände zu erfassen, bisher eben nur das nachgezählt und kontrolliert haben, was in den offiziellen Listen enthalten war. Außerdem wurde festgestellt, dass viele wertvolle Gemälde sich in Gebäuden befinden, die öffentlich leicht zugänglich und unbewacht sind. Ein Gemälde von Heiti Polli, dessen Werke unter anderem auch in der Tretjakow-Galerie in Moskau ausgestellt sind, hing sogar direkt an der Eingangstür der Stadtverwaltung von Paide. (ERR)

Ist das noch eine Hinterlassenschaft der sowjet-estnischen Verhältnisse? Schließlich gibt es viele Künstler/innen, die keine Verzeichnisse darüber führen, wo ihre Werke gerade sind. Manche Malerin und mancher Maler mag auch im Hochgefühl der estnischen Unabhängigkeitsbewegung gedacht haben: ich male für Estland! Oder, weniger optimistische Variante: mal ein Werk dort hingeben, wo man Rechnungen nicht mehr bezahlen kann. Der Kunst in Estland ist zumindest zu wünschen, dass es übersichtlich bleibt.

Mittwoch, April 11, 2018

Das Apfelrätsel

Alte Livländer Apfelsorten: Ananas, Gravensteiner oder...
... Suisleper (rechts) - in einem Gartenbaubuch von 1884
Zuerst sah ich dieses Gemälde - vermutlich von dem Lithograph und Verleger Emil Hochdanz (1816-1885) gemalt. Als sehr naturgetreue Abbildung in einem alten Buch, Neuberts deutschem Garten-Magazin, erschienen 1884. Bildtitel: "Drei Apfelsorten, welche in der Nähe von Riga in grossen Quantitäten gezüchtet werden".  Das macht doch neugierig! Einer der drei hat einen ungewöhnlichen Namen: "Suisleper".

Ein Hofgärtner namens Kuphaldt soll sie den Buchautoren (nach München) per Post geschickt haben - 10 Apfelsorten zur Probe, dazu auch Zweige. Drei davon gelangen hier im Buch zur ausführlicheren Darstellung: der Ananasapfel, der Liefländer Gravensteiner, und eben dieser "Suisleper". Ein Apfel ähnlich dem "Cuisinot", urteilt der Buchautor, von ausgiebiger Röte - aber ohne weitere, nähere Beschreibung. Vielleicht kam damals ein Teil dieser Kuphaldtschen Postsendung zumindest dem Botanischen Garten in München zu Gute.

Wer heute den "Suisleper" sucht, findet ihn noch unter "seltene Apfelsorten", aber oft mit der Angabe "Herkunft unbekannt". Erst auf der "Biologie-Seite" fand ich Näheres - ein Zufall, dass der Betreiber ebenfalls aus München kommt? Hier ist unter dem Stichwort "Suislepper" folgende Notiz zu finden: "Ein Hr. Goegginger bezog die Sorte um 1907 vom Gut Suislepp, Dorpat (Estland), wohin sie aus Frankreich gekommen sein soll". Eine estnische Apfelzüchtung also? Beide Quellen, aus den Jahren 1884 wie 1907, geben die Herkunft aus Livland an, soviel kann als Zwischenergebnis festgehalten werden.
Abb. aus: "Eesti mõisaportaal"

Das zugehörige Gut (zum Apfel) zu finden, bereitet in Zeiten des Internets ebenfalls wenig Schwierigkeiten. "Vana-Suislepa mõis" - der Gutshof Alt-Suislepp" - befindet sich in der Gemeinde Tarvast bei Viljandi in Südwest-Estland. Paul I., Sohn Katherina der Großen und 1796-1801 Kaiser von Rußland, schenkte Suislep Baron Mengden, der das Gut (Neu-Suislep) 1799 für 28.000 Rubel an  Carl von Krüdener weiterverkauft haben soll. Alt-Suislepp blieb Staatseigentum.

Aber war der "Suisleper" eine Ausnahme? Ein seltener Fall eines nordischen Apfelsorte?  Es ist schließlich eine alte Ausgabe der "Baltischen Wochenschrift" (Ausgabe von 1876) in der sich eine ausführliche Übersicht zu den damals in Livland angebauten Apfelsorten befindet. Dort findet sich ein Bericht zur "Dorpater Obstausstellung" des Septembers 1875; hier sind die einheimischen Äpfel eingeteilt in Calvillen, Schlotteräpfel, Gulderlinge, Rosenäpfel, Taubenapfel, Rambour, Reinetten,  Streiflinge, Spitzäpfel und Plattäpfel - insgesamt 158 verschiedene Sorten! Unser "Suisleper" befindet sich dabei unter den Rosenäpfeln einsortiert, und auch die Abstammung von Sorten aus Frankreich ("Pfirsichroter Sommerapfel") wird hier bestätigt.
Aus Anlaß der genannten Obstausstellung besichtigte eine speziell hierfür gebildete Kommission 180 Gärten persönlich und erfassten 1800 Obstbäume, indem dort kleine Blechschildchen angebracht wurden. Sollte jemand also heute, beim Spaziergang in der Gegend um Tartu, Viljandi oder Otepää, solch ein Blech noch finden - dann muss es wohl ein alter "õunapuu" sein.

Samstag, März 31, 2018

Komponiert und kassiert

Für estnische Komponisten war 2017 ein sehr gutes Jahr - so sieht es die estnische Autorenvereinigung (Estonian Authors' Society EAÜ), die 4621 Mitglieder vertritt (NMP). 6,29 Millionen Euro konnte die EAÜ im Jahr 2017 an Lizenzgebühren einnehmen - soviel wie nie zuvor seit ihrer Gründung im Jahr 1991.

11 Komponist/innen und Songwriter/innen waren dabei besonders erfolgreich: sie verdienten mehr als 20.000 Euro, im Schnitt 31.065 Euro, so gab es Geschäftsführer Kalev Rattus der Presse bekannt (ERR). In dieser Gruppe seien sowohl Komponisten klassischer Musik wie auch Popmusik zu finden.

Insgesamt zahlte die EAÜ 2 Millionen Euro an 1827 Rechteinhaber aus; davon erhielten estnische Künstlerinnen und Künstler 1,3 Millionen Euro.
Copyright-Regelungen sind in Estland per Gesetz seit dem  12.12.1992 geregelt.

Mittwoch, März 21, 2018

Den Winter wegbrüten

der Jahreslauf der Webcam-
Naturbeobachtung in Estland
Nein, auch in Estland sieht es gegenwärtig noch nicht sehr nach Frühling aus. Noch zeigen sich Teile der estnischen Küste vereist, das Land beherrscht der Frost.

Wer die Natur Estlands mag, und ihr trotz Eis und Schnee etwas näher kommen will, wird jedoch längst die Möglichkeiten des "Looduskalender" entdeckt haben: nicht nur aktuelle Informationen zu Tieren und Pflanzen in Estland gibt es hier (manches sogar in deutscher Sprache), sondern auch Tipps zu Beobachtungsmöglichkeiten. Und damit sind nicht nur Wandertouren mit Fernglas und Spektiv gemeint, sondern vor allem Beobachtungsmöglichkeiten "live im Internet". Nahezu während des ganzen Jahres sind Kameras in Betrieb, manche sogar mit Bild + Ton. So gesehen, bedeutet kann "Looduskalender" auch "Webcams im Jahreslauf" bieten: von Luchs, Dachs, Rotwild, bis zu Singvögeln und Kegelrobben.

"Ich habe das Erste!" - die estnischen Seeadlerpärchen
wissen offenbar ganz genau, was zur Osterzeit
mit Eiern zu tun ist
Und die - im baltischen Maßstab - erste Attraktion des Jahres haben ebenfalls estnischen Naturfreunde zu bieten: im Seeadlernest wurde vor wenigen Tagen das erste Ei gelegt.

Leider erfüllen sich nicht alle Wünsche von selbst: für Aufbau und Instandhaltung der Kameras bitten die Betreiber um Spenden. Und wer live die Nester beobachtet, erlebt nicht nur voller Erwartung mit, wie Vogeleltern ihre Jungen großziehen, sondern es gibt manchmal auch "Nebengeräusche": in den stillen Wäldern hallt es weithin hörbar, wenn Bäume gefält werden, Jäger Schüsse abgeben, oder unachtsame Wanderer laut redend dicht am Nest vorbeigehen (zu ähnlichen Möglichkeiten in Lettland siehe "dabasdati.lv"). Leider soll es auch immer wieder Menschen geben, die versuchen die genau Lage der Vogelnester nur deshalb herauszufinden, um die Vögel dort dann zu vertreiben oder zu stören.

Vorerst bleibt die größte Sorge: wie lange bleibt noch Schnee und Frost? Wenn erst die Störche ankommen und ebenfalls mit ihren langen Beinen noch im Schnee stecken, dann ist gewiß, dass der Frühling sich Zeit lässt. Dem stehen Berichte entgegen wie "Der Bär hat seine Winterhöhle verlassen" - inzwischen gibt es rund eine Million Nutzer aus 185 Ländern (Angaben der Betreiber), die solche Nachrichten lesen und die Webcams nutzen. Da bleibt wohl nur noch eine Alternative, die besser sein könnte: auch mal wieder raus gehen in die estnische Natur, und alles selbst erfahren und erleben!

Dienstag, Februar 20, 2018

Die Legende vom falschen "Realisten"

Am 24. Februar 2018 jährt sich zum 100.sten Mal der Tag, an dem die unabhängige Republik Estland ausgerufen wurde. Wenn sich jedoch Estland in diesen Tagen zurückerinnert, dann wird auch klar, dass am Tag dieser Verkündung die staatliche Unabhängigkeit noch nicht erreicht war - zumindest noch nicht gesichert. Nur einen Tag vorher hatten sich die Truppen der Bolschewiki zurückgezogen, die hofften, Estland würde sich der Russischen Revolution anschließen, und die ehemaligen Rittergüter könnten zu Kolchosen umwandelt werden. Und bereits einen Tag später wurde Estland durch die 8.deutsche Armee besetzt. Es dauerte noch bis 1920, zwei lange Jahre, bis der unabhängige Staat Estland als gesichert betrachtet werden konnte, und bis auch der wichtige Friedensvertrag mit Russland abgeschlossen wurde.

Bildquelle: Nekropole.lv
Wie es in den ersten Tagen der estnischen Unabhängigkeit zuging, symbolisiert das Schicksal eines Menschen, der in Estland Johann Muischneek genannt wird. Der 25. Februar 1918 war ein Montag. Die deutsche Armee rückte aus Richtung der estnischen Inseln auf Tallinn vor. Von estnischer Seite war ein "Estnisches Rettungskomitee" (Eestimaa Päästekomitee) gegründet worden, mit dabei waren u.a. Konstantin Päts (später Regierungschef und Staatsoberhaupt), und die Sozialdemokraten Jüri Vilms und Konstantin Konik.

Ein inzwischen aus Schülern, Pfadfindern und Studierenden gebildeter "Heimatschutztrupp" ("Omakaitse") war die einzige militärische Einheit, die zu dieser Zeit die estnischen Interessen am Ort des Geschehens schützen konnten - darunter auch Schüler der "Tallinna reaalkool", die sogenannten "Realisti". Sie patroullierten durch Tallinn, und wurden auch am 24. Februar 1918 eingesetzt, als mit den Bolschewiki sympathisierende Marosen die Besetzung einer Elektrostation ankündigten. Gegen vier Uhr nachmittags entwickelte sich eine Schießerei in der Altstadt, die "Roten" zogen sich in die Nähe der "dicken Margarethe" (Turm an der Altstadtmauer) zurück. Hier zog sich dann Johann Muischneek tödliche Schußverletzungen zu. Da erst wenige Stunden zuvor die Unabhängigkeit Estlands verkündet worden war (schon am 23.2.18 in Pärnu, am 24.2. in Tallinn), galt er als der erste Este, der für die Unabhängigkeit des Landes starb.

Die "Tallina reaalkool" feiert 100 Jahre
estnische Unabhängigkeit
Lange wurde angenommen, Muischneek sei ein estnischer Schüler gewesen - eben ein "Realisti". 1936 wurde eine Erinnerungsplakette an seinen Tod am Turm angebracht. Als 1991 sich das Bestehen der Realschule Tallinn zum 110.mal jährte, wurde eine neue Tafel angebracht - sie ist heute nicht mehr draußen zu finden, sondern im Museum der estnischen Seefahrt (das heute auch den Kanonenturm Dicke Margarethe umfasst). Tatsächlich aber zeigen neuere Forschungen, dass der Betroffene in Wahrheit Jānis Muižnieks war, ein Lette. Ursache der Unklarheiten waren exil-estnische Publikationen, besonders eine Publikation die 1972 in Schweden erschien, die den jungen Freiwilligen noch als estnischen Helden herausstellte - obwohl auch an dieser Schilderung eigentlich Zweifel aufkommen mussten, da die Schießerei erst am Abend des 24.2. - im Dunklen - stattfand. Dieser Fehler wurde von estnischen Historikern erst 1989 offen angespochen (Looming, Nr.2 1989), aber der Irrtum, Muižnieks sei ein junger Este gewesen, wurde noch bis ins Jahr 2005 wiederholt.

Heute ist sich die Wissenschaft einig, dass  Muižnieks der 1883 erstgeborene Sohn von Pēteris Muižnieks und seiner Frau Liene (geborene Bebris) aus der nordlettischen (damals livländischen) Gemeinde Rauna (dt. Ronneburg) war. Obwohl über seinen Lebensweg wenig bekannt ist, kann doch gesagt werden, dass er eine Ausbildung im russischen Militär absolvierte. Als 1917 die Deutschen den Norden Lettlands besetzten, konnte er nicht nach Hause zurückkehren; estnische Quellen weisen aus, dass er sich ab Dezember 1917 in Tallinn aufhielt - schon seines Alters wegen aber sicher selbst kein Schüler mehr. Als sich dann die Schüler- und Studenteneinheiten bildeten, war er einer der Anführer.

Inzwischen hat man auch im Stadtarchiv von Tallinn weitere Informationen gefunden: dort ist ein "Jahn Muischneek" verzeichnet, der am 25. Februar um 9.30 Uhr starb und dessen Beerdigung am 3.März in der Niguliste Kirche abgehalten wurde. Sogar die Todesursache wird dort erwähnt: eine tödliche Schußverletzung im Rahmen der Kämpfe vom Vortag. Sein Grab befindet sich heute in Tallinn, und die lettischen Nachbarn (siehe TVnet) wie auch die Esten (siehe ERR) sind heute gemeinsam so stolz auf diese Tatsache, dass sie für mögliche Besucher den genauen Ort angeben: auf dem Friedhof Rahumäe, nahe am Haupttor, Kvartal C, 6. Reihe, Platz 3.

Freitag, Januar 12, 2018

Präsidentialer Umzug, zeitweilig

Die estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid machte um die Jahreswende herum innenpolitische Schlagzeilen: "Präsidentin zieht nach Narva" klang zunächst unglaublich, da es auch zuerst in russischsprachigen Programmen verbreitet wurde. Erstaunlicherweise beziehen sich diese Pläne auf ein Kulturprojekt aus dem Theaterbereich.

Seit den sowjetischen Zeiten musste in Estland immerhin kein einziges Theater geschlossen werden. 2017 hatte Estland 10 traditionelle Theater und etwa 50 unabhängige Theaterprojekte aufzuweisen. Die estnische Theaterwissenschaftlerin Madli Pesti bezeichnet das Theater sogar als die in Estland populärste Kunstform - einer der Gründe für die guten Überlebenschancen der vielen Theatergruppen. Und bei nur 1,3 Millionen Einwohnern sind ja auch 200 Theaterpremieren pro Jahr wirklich viel. Die Stiftung "Vaba Lava" wurde 2010 gegründet, und soll sowohl Räumlichkeiten zur Verfügung stellen wie auch Unterstützung geben für unkonventionelle Projekte und Experimente. "Vaba Lava" eröffnete in Tallinn 2014 und hatte bereits im ersten Jahr 60.000 Besucher.

Nun steht für 2018 die Eröffnung des "Vaba Lava Nr.2" an - eben in Estlands drittgrößter Stadt Narva. Hier, wo die Mehrzahl der Bewohnerinnen und Bewohner russischsprachig ist, wird dem Projekt nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine wirtschaftliche, soziale und integrative Funktion zugeschrieben. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem estnischen Kulturministerium und privaten Investoren. Grundlage sind dabei festgeschriebene, günstige Mietkosten für die Räumlichkeiten. Die estnische Kulturförderung ist aufgebaut auf der Kulturstiftung "Eesti Kultuurkapital", die bereits seit 1994 finanziert wird durch Einnahmen aus 3% der Mehrwertsteuer auf Alkohol und Tabak und 46% aus der estnischen Steuer auf Glücksspiel, dazu noch andere Zuwendungen zugunsten der Kulturstiftung.

"Vabalava" Tallinn
"Vaba Lava" ("Open Space" / "Freie Bühne") in Tallinn wird getragen von  9 unabhängigen Theatern und Tanzgruppen, sowie von mehr als 30 Firmen. "Vaba Lava" unterhält keine stationäre Theatertruppe, nur ein alle zwei Jahre wechselndes Team von Kuratorinnen und Kuratoren - in den Jahren 2015-16 war auch Thomas Frank aus Leipzig in dieser Funktion tätig. Der Focus liegt ganz auf die Etablierung internationaler Kooperationen, die Projekte werden größtenteils finanziert von der Estnischen Kulturstiftung. Diese ausgewählten Projekte machen dann etwa die Hälfte des Festivalprogramms aus, die andere Hälfte bilden andere Veranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen, Kinofilme. Bei den Investitionen vor Ort wurde "Telliskivi Maja" als Sponsor gewonnen, die das "Telliskivi Creative City" Veranstaltungszentrum betreiben, eine ehemalige Maschinenfabrik.

Der Ort, wo "Vabalava 2" in Narva entsteht, sind Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Sowjetfirma "Baltijets", die in den Jahren 1947-1993 existierte (davor wurden am selben Orte Farben hergestellt). "Baltijets" beschäftigte sich mit der Herstellung von Metallen der seltenen Erden und gehörte zum militärischen Komplex der Sowjetunion.Im November 2018 soll "Vabalava 2" dann eröffnet werden. Das fertige Gebäude soll drei Ebenen haben und insgesamt 2600 m2 umfassen. Neben einem Theater mit 220 Sitzplätzen werden auch ein Fernseh- und Radiostudio, das örtliche Kindertheater, und Galerie und Café untergebracht werden. Auch mit Partnern im nur 150km entfernten St.Petersburg soll eine Zusammenarbeit angestrebt werden.

"Offene Bühne Narva" wird also die Adresse der Präsidentschaftskanzlei im Herbst 2018 sein, einen Monat lang. “Mein Vater und mein Halbbruder wuchsen in Narva auf, und ich habe nie spannendere Stadtrundgänge erlebt als die mit meinem Vater dort", wird die Präsidentin im russischsprachigen ETV+ zitiert. Gegenwärtig leben etwa 57.000 Menschen in Narva, für fast 90% davon ist die Muttersprache Russisch.

Dienstag, Dezember 26, 2017

Bilanz auf estnisch

Aus deutscher Sicht mag die Art, wie die Esten ihre EU-Präsidentschaft bilanzieren, auf eine gewisse Art verlockend wirken: jeder versteht inzwischen wohl den Spruch vom "Size doen't matter" und wird zukünftig kaum mehr behaupten, die Estinnen und Esten hätte Leistungen und Erfolge nur deshalb erreichen können, weil das Land so klein sei. Früher als geplant musste Estland nach der Brexit-Entscheidung der Briten die EU-Präsidentschaft übernehmen und verkündet zum Abschluß sogar: alle Aufgaben erledigt, die EU-Bürokratie am Laufen gehalten, und dabei noch Geld gespart!

Estland habe 7 Millionen weniger ausgegeben als im Haushalt vorgesehen, so berichtete es Piret Lilleväli, stellvertretende Direktorin der estnischen EU-Ratspräsidentschaft, der Presse, und auch für den EU-Digitalisierungsgipfel seien nur 3,4 und nicht 4 Millionen Euro benötigt worden. Insgesamt haben 1300 Menschen im Rahmen der estnischen EU-Präsidentschaft gearbeitet, - "Und diese Menschen haben viel dafür getan, Estland in Europa noch bekannter zu machen," so Lillevälli (ERR).

Ungewöhnlich: in Tallinn posierte Kanzlerin Merkel als
Aussenseiterin
Der Abschlußbericht der Estnischen EU-Präsidentschaft enthält noch eine ganze Reihe weiterer Zahlen: 275 EU-Veranstaltungen galt es in Tallinn zu organisieren,in diesem Rahmen besuchten 34.000 Menschen Tallinn, darunter 27.000 Gäste aus dem Ausland. Der sogenannte "Digitalgipfel" am 28./29. September versammelte 25 der 27 EU-Staatschefs in der estnischen Hauptstadt. Der Medienpartner der estnischen Präsidentschaft, "Estonian Public Broadcasting - ERR" produzierte 400 Stunden Fernsehmaterial, davon 42 Stunden Live-Übertragung. Und: es haben, offiziellen Zahlen zufolge, nur 800 Polizisten ausgereicht, um den Ablauf sicher zu gewährleisten.

Die estnische EU-Präsidentschaft endet am 31.12. 2017 - es übernimmt dann Bulgarien. Für Estland beginnt aber ein anderes, sehr besonderes Jahr: das 100. seit der Unabhängigkeitserklärung am 24.2.1918.

Mittwoch, Dezember 20, 2017

Auf zu vierundzwanzig!

Das Jahr 2011 war für Tallinn ein herausragendes Jahr: die estnische Hauptstadt als Europäische Kulturhauptstadt, gleichzeitig wurde in Estland der Euro eingeführt. Zudem war das finnische Turku  gleichzeitig ebenfalls Kulturhauptstadt - ein echt nordosteuropäischer Fokus also damals.

Nun ist klar: das nächste estnische Kulturhauptstadtjahr wird 2024 sein. Dem entsprechend kündigte das estnische Kulturministerium zusammen mit dem Verband der estnischen Städte einen Wettbewerb an, um zu einer Entscheidung zu kommen welche estnische Stadt es werden soll (ERR). Für Kenner der traditionellen Verhältnisse unter den Städten Estlands dürfte es dabei einen großen Favorit geben: Tartu.  Zwar werden gelegentlich auch andere Ideen genannt (Viljandi - gemäß "The Baltic Guide" estnische Kulturhauptstadt), aber es ist anzunehmen, dass Tartu auf keinen Fall noch länger als 13 lange Jahre Tallinn nachstehen möchte ...

Die Entscheidung darüber soll aber erst im Herbst 2019 fallen. Eine weitere Europäische Kulturhauptstadt für das Jahr 2024 wird Österreich benennen.

Mittwoch, Dezember 06, 2017

Bitte kein Verlustgepäck!

Estinnen und Esten mögen ja vielleicht denken, überall - außer in Estland - könnte es langweilig sein. Jedenfalls sind die Verkehrswege voller - Staus, Verzögerungen, Verspätungen. So war es vielleicht ein gelangweilter estnischer Fluggast, der irgendwo auf der Welt, gehindert am Rückflug nach Hause, sich seinen Koffer nahm und diesen als Spielgrund für vielleicht sein Schach- oder Mühlespiel nutzte, um sich die Zeit kurzweiliger zu gestalten - könnte ja sein, dass der Akku des Smartphones schon lange leer war.

Und irgendwie so - oder so ähnlich - könnte die Idee entstanden sein, Spiele direkt außen am Koffer dauerhaft anzubieten: allzeit bereit, sozusagen; auf diese Art werden auch Zwangspausen zur kurzweiligen Angelegenheit.

Koffer mit Spieledesign - eine Idee aus Estland. "Playluggage ist kein normaler Koffer, er ist ein Statement," schreibt der Hersteller. Die Firma "Playluggage" bietet Koffervarianten für Backgammon, Mensch Ärger Dich nicht, Mühle, Dame, Poker und einiges mehr; alle Spielfiguren sind inklusive und mit Magneten versehen - auf diese Art und Weise schrecken selbst hoher Seegang oder ruckelige Zugfahrten nicht.

In Deutschland sind die Spiele-Koffer bisher bei "Metro" und "Galerie Kaufhof" zu haben. Leila Tamm und Martin Rungi, Verkaufsleiter bei "Playluggage", stellten vor einigen Monaten (mit Unterstützung von "Enterprise Estonia") neun Koffervarianten bei Kaufhof in Köln vor, berichtet "EstonianWorld". Außerdem werden auch Oberflächen angeboten, auf denen es sich mit Buntstiften selbst zeichnen lässt - so wird wahrscheinlich auch das Interesse der Kleinsten an Muttis oder Vatis Reisegepäck steigen. Vielleicht ist dann am Flughafen Tallinn demnächst zu hören: "Mutti, müssen wir den Koffer denn wirklich schon aufgeben?"

Nein, keine Sorge - die Spielekoffer werden meist in etwas kleineren Ausmaßen angeboten, so dass das gute Stück auch als Handgepäck fürs Flugzeug taugt.
Eigentlich sei die Ausgangsidee gewesen, einzigartige und leicht wiedererkennbare Kofferdesigns zu schaffen, die das eigene Stück auf dem Kofferband schnell auffindbar macht - so die Produzenten.
Spiele-Koffer mit
eigenem Design -
da gibt es sicher noch
viele neue Ideen ...

Auch in Finnland, Italien, Spanien, China und Australien haben sich schon Geschäftspartner gefunden. Allerdings werden die Koffer momentan noch in China hergestellt - bei anhaltendem Erfolg soll die Produktion in einiger Zeit nach Estland verlagert werden, so die Herstellerfirma.

Gegründet 2010, gibt es bisher erst 10 Mitarbeiter/innen (siehe: Trade with Estonia). Und für wen bisher doch noch nicht die richtige Spielidee dabei war: Koffer werden auch mit eigenen, selbst ausgesuchten Illustrationen oder Fotos der Kund/innen produziert. Also dann: auf dass dieses gute Stück dann nie mehr verloren geht!

Montag, November 06, 2017

Unruhe im Digitalparadies

Für die Land, das mit einer eigenen "E-Identität" aktiv wirbt, muss es zumindest ungewohnt sein: Per Beschluß des estnischen Regierungskabinetts müssen seit einigen Tagen alle bisher ausgestellten Identifikationsausweise (ID Karte), etwa 800.000 Stück, mit neuen Sicherheitszertifikaten ausgestattet werden - entweder per Update, oder durch Beantragung und Ausstellung einer neuen ID-Karte. Nach monatelang immer weiter konkretisierten Sicherheitsbedenken hielten die Verantwortlichen diesen Schritt nun doch für unausweichlich.
Eigentlich sollen unnötige Behördengänge ja durch die Nutzung der ID-Karte vermieden werden - nun hoffen vielleicht einige, dass Estinnen und Esten nicht völlig aus der Übung gekommen sind.
Im Ausland müsse nicht extra eine Botschaft aufgesucht werden, versuchen estnische Behörden zu beruhigen (ERR) - Betroffene können auch eine Email schreiben. Auch ferngelenkt per Internet bestünde die Möglichkeit das Zertifikat für die ID-Karte zu erneuern (Remote). Allerdings: wenn die Abholung einer neuen Karte im Ausland nötig wird, müssen die Betreffenden dann doch persönlich erscheinen - bei einer Botschaft, einem Konsulat oder Honorarkonsulat. Im Moment schätzen die estnischen Behörden die Auslieferungszeit einer neuen ID-Karte auf etwa 3 Wochen.

Seit dem 25. Oktober werden inzwischen ID-Karten mit neuen Sicherheitszertifikaten ausgestellt, die nicht von dem vermuteten Sicherheitsrisiko betroffen sind. Am Wochenende nach dieser Entscheidung mussten die Polizeibehörden gleich Überstunden einlegen, um den Andrang der ID-Karteninhaber abfangen zu können. Bereits 106.000 Betroffene hatten bis Montag morgen bereits das Update erledigt - davon 81.500 per Remote-Funktion, 24.500 durch einen Gang zu den Servicestellen der Polizei und der Sicherheitsbehörden.

"Niemand muss nervös werden, es ist noch bis März 2018 Zeit das Update zu erledigen", meldet sich Managing Direktor Korjus im "E-Residency-Blog" zu Wort. Allerdings muss das Update vor der nächsten Nutzung der Karte auf jeden Fall vorgenommen werden. Umgangen werden kann das nur für diejenigen, die auch im Besitz einer sogenannten "Smart-ID" sind: eine ID-Karte die im Smartphone verwendet werden kann.

Auch nach dem Update scheinen bisher noch nicht
alle Funktionen der ID-Karten wieder zu funktionieren
Es habe ja auch bisher keinen einzigen konkreten Vorfall gegeben der die Sicherheit der ID-Karten bedroht habe, so Korjus - das allgemeine Update sei daher eine reine Vorsichtsmaßnahme. Die Sicherheitsbedenken seien auch nicht durch die estnische ID-Karte allein ausgelöst worden, sondern auch dadurch dass der Chip der bisherigen Karte auch bei anderen Produkten international genutzt werde. So habe man befürchten müssen, Cybercrime-Banden könnten sich irgendwann die Situation zu Nutze machen.

Die ID-Karte wird in Estland unter anderem als legales Reisedokument, als Gesundheitskarte, für das Online-Banking, digitale Unterschriften und auch für die Beteiligung bei Wahlen per Internet genutzt.

Sonntag, November 05, 2017

Was den Unterschied macht: Kohuke

Paradies Estland? Haben uns doch in den vergangenen Wochen, vielleicht noch befördert durch den aktuellen Anlaß des estnischen EU-Ratsvorsitzes, gleich Dutzende deutscher Besuchergruppen ihre Berichte aus Estland abgeliefert. Wie sehen es die Estinnen und Esten selbst? Welche Tipps geben sie zum Verständnis des Landes?  

12 Dinge, die Du beim Date mit einer estnischen Frau erwarten kannst - das schreibt Tania, eine Estin in Australien. Ob es sehr unterschiedlich ist von dem, was sie in Australien erlebt? Ob sie sich nur selbst, oder alle Estinnen meint? Jedenfalls ist es offenbar als Ratschlag an Männer gedacht.
Überraschend ist vieles davon auf den ersten Blick nicht.Dass estnische Frauen vielleicht weniger reden als andere, geschenkt. Dass sie Traditionen lieben - nun ja, zumindest die Estinnen in Australien werden das tun. Kaum wird auch eine estnische Frau sonntags die Kirche besuchen wollen, so Tania. Und, solltest Du (Mann) vorhaben, deiner estnischen Frau ein Haus zu bauen - so denke dran, dass es nur dann vollständig ist, wenn eine Sauna vorhanden ist.
Die meisten anderen Tipps von Tania haben mit Essen zu tun (offenbar für estnische Frauen sehr wichtig?). Sowohl an den Geschmack kräftigen dunklen Brotes, die drei K's (Kama, Kefir, Kohuke), Freistücksbrei mit Marmelade, saure Sahne, Dill, und Kohl, Kartoffeln und Hering als häufigeste Bestandteile estnischer Mahlzeiten müsse sich der potentielle Partner einer Estin gewöhnen.
Dann noch zwei Überraschungen. Estnische Frauen würden ganz sicher den Vornamen ihres Liebsten verändern, meint Tania. So könne ganz schnell aus Matthias "Matike" werden, aus Johannes "Jansu", oder aus Markus werde schon mal "Marx". Und als weitere Warnung: estnische Frauen sind ausdauernde Läuferinnen. Auch oft stärker als erwartet: 10-15kg zu tragen sei für keine estnische Frau ein Problem. Dennoch fasst Tania zusammen: Estland - Paradies des Nordens!

Übrigens warnte Tania bei all ihren wohl bedachten Hinweisen kein einziges Mal vor exzessivem Gebrauch von Internet, Smartphone oder ID-Karte. Zumindest für estnische Frauen in Australien offenbar nicht besonders erwähnenswert. - Aber wie war das noch mit diesem "Kohuke"? Das scheint etwas zu sein, das auch bei anderen schwärmerische Erinnerungen hervorruft - bei Frauen wie Männern. Auch bei Deutschen scheint dieses Ding großen Eindruck hinterlassen zu haben.

"Kohuke - unser Verhängnis!" meint Hartmut Buhmann, ein Austauschschüler. Bei Jana Scheurer bekommen wir auch eine präzise Beschreibung: "Quarkriegel mit Schokoladen-, manchmal auch Joghurt- oder Karamellglasur". "Typisch Estnisch", meint auch Austauschschülerin Hanna. Vielleicht sollten wir auch den Workshop zur Herstellung der leckerten "Kohukes" mitmachen? Eva hat ihre eigenen Erfahrungen bei der Eigenprduktion von Kohuke gemacht (und aufgeschrieben). Lisa dagegen stellt einfach fest, dass ihr Kohuke in ihrer Gastfamilie einfach viel zu selten angeboten wird (vielleicht essen die alles selbst?). "Estland schmeckt nach Kohuke", meint auch Karla Zipfel bei "Kulturweit". "Vali Kohuke!" (Wählt das Quarkteilchen!) - ein Spruch der Theatermenschen von NO99. "Und allein wegen Kohuke solltest du ein Austauschjahr in Estland machen" meinen die Leute von der YFU aus der Schweiz.

Was den Unterschied macht: offenbar Kohuke. Die berühmten drei K: Kohuke, Kohuke, und am liebsten nochmals Kohuke.

Montag, Oktober 16, 2017

Estlands Kommunalwahl: viel E-Vote bei verhaltener Begeisterung

Nicht nur in Österreich und im deutschen Bundesland Niedersachsen wurde am vergangenen Sonntag gewählt: in Estland fanden Kommunalwahlen statt.

E-Wahl-Rekord
Ein erstes interessantes Ergebnis war schon vor Schließung der Wahllokale bei den heutigen Kommunalwahlen in Estland bekannt: es gibt einen neuen "E-Rekord" - 27,6% der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme online ab; das war während einer zehntägigen Zeitspanne vor der Wahl möglich. Zusammengezählt wählten 306.508 Estinnen und Esten vorab, 186.034 davon digital.

Stabiles Zentrum, weniger Vaterland, viel unabhängig
Der locker Jogger: aus einem
Wahlspot der "Zentrumspartei"
Die "Eesti Keskerakond" (Zentrumspartei) erhielt 27.3% der Stimmen, 26,8% entfielen auf unabhängige Wahllisten, und 19,5% erreichte die Estnische Reformpartei (Eesti Reformierakond). Weitere 10,3% Stimmen erreichten die Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokraatlik Erakond), 8% die Vaterlandspartei & Res Publica (Erakond Isamaa ja Res Publica Liit IRL), 6,7% die Konservative Volkspartei (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond EKRE), während die estnischen Grünen (Erakond Eestimaa Rohelised) estlandweit lediglich 0,8% der Stimmen auf sich vereinen konnten (siehe auch: estnisches Wahlamt).Die Veränderungen gegenüber der Wahl 2013 sind schwierig zu berechnen, da es diesmal einen neuen Zuschnitt der Wahlbezirke gab. Landesweit verlor die konservative IRL durch einen Absturz von 17.2% auf 8% am meisten, während die nationalkonservative EKRE erstmals antrat. Die Reformpartei gewann landesweit 5,8% hinzu, die Zentrumspartei verlor 4,6%, für die Sozialdemokraten entschieden sich 2,2,% weniger.

Tartu und Tallinn konstant
Estlands größte Städte bleiben poltisch da, wo sie schon bisher waren: in Tallinn gewann die Zentrumspartei 40 der 79 Mandate und damit die absolute Mehrheit (44,4% der Stimmen); eine Besonderheit war dabei allerdings, dass Ex-Taekwondo-Sportler Mihhail Kõlvart mit 24.712 Personenstimmen weit mehr Zustimmng auf sich vereinen konnte als der eigentliche Bürgermeisterkandidat des Zentrums, Taavi Aas. Kõlvart trat im Stadtteil Lasnamäe an, dort wo Ex-Parteichef Savisaar immer gute Resultate eingefahren hatte. Savisaar selbst war nicht mehr als Spitzenkandidat nominiert worden, trat aber auf einer eigenen Liste an und gewann so ein Direktmandat im Stadtrat. Allerdings steht er noch wegen einer Korruptionsanklage vor Gericht - der Ausgang wird darüber entscheiden, ob er sein Mandat antreten darf.
Beobachter schließen aber nicht aus, dass wegen der knappen Mehrheit im Stadtrat Tallinn die Zentrumspartei dennoch einen Koalitionspartner einladen könnte. 
In Tartu blieb die Reformpartei mit 37,4% an der Spitze der Beliebtheit - das reicht für 20 von 50 Stadtratssitzen. Bürgermeister bleibt also wahrscheinlich Urmas Klaas. Die Sozialdemokraten folgen mit 8, das Zentrum mit 7 Sitzen. Die EKRE bekommt noch 6, die IRL 3 Mandate. Die konservative IRL verlor auch hier am stärksten: ein Absturz von 21,08% auf 7,4%.

Estnische Kommentatoren weisen vor allem darauf hin, dass es die Zentrumspartei von Regierungschef Jüri Ratas geschafft hat, auch ohne Edgar Savisaar in Tallinn wieder die absolute Mehrheit zu holen. Die teilweise problematische Vergangenheit von Savisaar sei nun Geschichte und habe für die Zentrumspartei keine Bedeutung mehr, heißt es.
Außerdem sei es ein klares Zeichen, dass wiederum über 180.000 Wählerinnen und Wähler dem "E-Vote" vertrauten, trotz kürzlich offenbarten theoretisch möglichen Manipulationsmöglichkeiten. Estinnen und Esten vertrauen eben E-Estonia. Allerdings zeigte die vergleichsweise niedrige Wahlbeteiligung von 53,4% (2013 = 57,97%) nur lauwarme Begeisterung für die wichtigen politischen Fragen an.

Samstag, Oktober 07, 2017

Online wählen als Event

Kelle valite kohaliku omavalitsuse volikogusse? Wer diese Frage mit '"ja" ("jah") beantworten kann (denn wählen gehen funktioniert in Estland nur auf Estnisch), der wird in diesen Tagen wieder seine estnische "ID-Karte" nutzen wollen (98% aller Estinnen und Esten haben eine) und online wählen.
Die zuständigen estnischen Behörden haben das E-Wahlsystem und die ID-Karte inzwischen sogar weiterentwickelt: es reicht jetzt aus, eine spezielle Karte für das Smartphone zu nutzen - die gesonderte Karte, die vorher dazu diente, sie in speziellen Lesegeräten einzuführen, wird damit überflüssig.

Die ganze Identität auf dem Mobilphone! Während die einen angesichts dieser Situation schon ins zililisationskritische Grübeln kommen (wer bin ich eigentlich? Bin ich schon mein Smartphone, oder auch noch etwas anderes?) - haben die anderen erkannt, dass es auch noch außerhalb der digitalen Welt Maßnahmen braucht um die Akzeptanz dieses Systems zu erhöhen. Zwar werden wieder etwa 25-30% aller Estinnen und Esten am 16. Oktober, wenn die Kommunalwahl vorbei ist, ihre Stimme online abgegeben haben (siehe "Heise"). Vielleicht sogar noch mehr. Aber immerhin hatte es, nach über 10 Jahren Erfahrung des estnischen E-Voting-Systems in der Praxis, kürzlich Hinweise gegeben, die einen Angriff auf die geheimen Identitätscodes der ID-Cards für möglich hielten - wenn auch nur für den Fall, wenn eine riesige Rechnerkapazität dafür zur Verfügung stehen würde (siehe FAZ, Heise, Futurezone).

Betroffen davon sind nach offiziellen Angaben rund 750.000 ID-Karten. Bei ihnen könne der öffentliche Schlüssel der digitalen Identität "theoretisch" auch ohne die Karte und die PIN ermittelt werden. Dazu sei aber eine riesige Rechenkapazität und ein spezielles Programm notwendig, um den dazugehörigen geheimen Schlüssel zu errechnen.

Derweil hat in Estland wieder der Zeitraum begonnen, während dem die OnlineWahl (Kommunalwahl) möglich ist - diesmal zwischen dem 5.-11. Oktober. Die estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid nahm das am vergangenen Donnerstag zum Anlaß für den Besuch einer Schule in Jüri. So konnten Schülerinnen und Schüler direkt aus dem Mund der höchsten Vertreterin des Staates von der Möglichkeit erfahren, dass diesmal sogar auch 16- und 17-Jährige bereits mitwählen dürfen. (ERR) Für die Beteiligung der Jugend wirbt Frau Präsidentin - ganz im Sinne der sozialen Medien - mit einem eigenen "Hashtag": #nooredvalima. Auf Facebook, oder auch, unterstützt von der "League of young voters", per Youtube-Video (schon seit 2014).

Übrigens haben auch (derzeit) 182.841 Nicht-Staatsbürger Estlands (registrierte Einwohner, die weder die russische noch eine andere Staatsbürgerschaft besitzen) diesmal das (Kommunal-)Wahlrecht (zu diesem Zweck gibt es auch Ratgeber in Englisch und Russisch).

Samstag, September 30, 2017

Flughafenupdate

Vielleicht hätte sich noch vor 10 Jahren niemand gedacht, wie viele Menschen tatsächlich den Lennart-Meri-Flughafen in Tallinn benutzen würden. Der 1936 eröffnete Flughafen ist heute Arbeitsplatz für etwa 2000 Menschen und über 80 Firmen.
In den Sommermonaten sind es pro Monat etwa 250.000 Passagiere, davon laut Flughafenstatistik 54% Estinnen und Esten. Und momentan, während der EU-Ratspräsidentschaft Estlands, lernen wohl die meisten europäischen Spitzendiplomaten, die sich in Tallinn treffen, die Vorzüge eines rationell arbeitenden Flughafens kennen.

Von ehemals 240.000 Fluggästen im Jahr 1993 steigerte sich die Zahl der Kundinnen und Kunden am Tallinn Airport auf über 564.000 (1998), 716.000 (2003) 1,38 Millionen (2010) auf schließlich 2,2 Millionen im Jahr 2016. Während im Jahr 1998 noch 30% aller Flüge ab Tallinn nach Helsinki gingen, so teilen sich dieses Drittel Marktanteil heute drei Städte: Helsinki, Riga und Frankfurt. Bis 2020 steht dem Flughafen nun ein "Facelifting" bevor: 130 Millionen Euro werden in eine Erneuerung der Anlagen investiert und die Landesbahn ist auf 3490m verlängert worden (siehe Jahresbericht 2016).

Eine Neuigkeit ist seit dem 1. September 2017 in Betrieb: die Straßenbahnlinie 4 der Tallinner Verkehrsbetriebe wurde bis zum Flughafen verlängert (ERR). Neue Fahrzeuge gab es gleich auch noch dazu: das Modell "Urbos AXL", "für den Betrieb unter den schwierigen klimatischen Bedingungen Estlands konzipiert, von -40 ºC bis 40 ºC", wie CAF, der spanische Hersteller, versichert. Damit die Linie 4 tatsächlich den Flughafen erreicht, wurde eigens Tallinns erster Straßenbahntunnel gebaut.
Was noch fehlt? Estlands "erste Garage". Trotz verbesserter Anbindung des Öffentlichen Nahverkehrs geht offenbar niemand davon aus, dass insbesondere die Estinnen und Esten - die 54% der Kund/innen am Flughafen Tallinn ausmachen - ihre Autos stehen lassen, wenn sie zum Flughafen wollen; 1.100 Fahrzeuge soll die unterirdische Parkgarage nach der Fertigstellung 2019 einmal aufnehmen können, auf drei Ebenen. Die gegenwärtige Parkraumkapazität von 450 Fahrzeugen hält das Flughafenmanagement für das angestrebte Entwicklungspotential in Zukunft für zu wenig (ERR).

Dienstag, August 22, 2017

Estland wählt neu sortiert

Auch in Estland wird in diesem Herbst gewählt: am 15. Oktober sollen landesweite Kommunalwahlen stattfinden. Bis dahin gibt es jedoch noch einige Unklarheiten zu beseitigen. Am 22. Juni wurde im estnischen Parlament eine Gemeindereform beschlossen, die auch die Zusammenlegung verschiedener kleiner Gemeinden zu größeren administrativen Einheiten vorsieht. So sollen zum Beispiel Albu, Ambla, Imavere, Järva-Jaani, Kareda, Koeru und Koigi künftig zur Gemeinde Järva zugeschlagen werden.

Einige Gemeinden wollen sich das nicht so einfach gefallen lassen. Obwohl klein an Einwohnerzahl, weisen sie auf eine lang zurückreichende, eigene Tradition hin und legten auch vor Gericht Protest ein. Da diese Gerichtsverfahren weitgehend noch nicht abgeschlossen sind, wollten die betroffenen Gemeinden bereits vorab festlegen, noch in den alten, bisherigen Strukturen wählen lassen zu können - doch das wies ein estnisches Gericht jetzt zurück, und verwarf damit eine vorhergehende Entscheidung einer unteren Instanz (ERR). Sogenannte "Parallelwahlen" soll es nicht geben - also eine zweite Gemeindewahl für den Fall, dass alte Gemeindegrenzen doch bestehen bleiben.

Immerhin 17 Gemeinden waren vor Gericht gezogen: Emmaste, Illuka, Kambja, Koeru, Lasva, Mikitamäe, Pala, Rakke, Lüganuse, Padise, Pühalepa,Sõmerpalu, Ülenurme,Tõstamaa, Vasalemma, Vastseliina und Võru. Eines der Ziele der estnischen Gemeindereform ist eine Mindestgröße der künftigen Gemeinden von 5000 Einwohnern - wer weniger hat, bekam die Möglichkeit, sich "freiwillig" mit anderen zusammenzuschließen. In anderen Fällen drohte die Regierung auch erzwungene Zusammenlegungen an.

Während es bei den vergangenen Kommunalwahlen 2013 noch 215 zu wählende Gemeinderäte waren, schrumpft die Zahl jetzt durch die Strukturreform auf nur noch 79. Neu ist diesmal auch, dass bereits Sechzehnjährige Wahlrecht haben. Ungwöhnlich ist in Estland die üblliche Praxis, dass fast alle Parteien auch die amtierenden Minister der gegenwärtigen Regierung als Kandidat/innen für die Kommunalwahl aufstellen lassen - obwohl klar ist, dass sie ihre Ämter, falls gewählt, nie antreten werden. Diese Stimmen kommen dann natürlich der entsprechenden Partei zu gute, das heißt die Wähler/innen müssen sich dann an irgendwelche Nachrücker gewöhnen. Die Frist für die Kandidatenaufstellung endet am 5. September.

Interessant ist auch, worauf Estland-Kenner "Kloty" zurecht hinweist: es gibt Unterschiede zwischen denjenigen, die online wählen, und denen die traditionell in die Wahlkabine gehen. So stimmten 2013 die Online-Wähler mit 26% für die konservative IRL, 22% für die Reformpartei, 15% für die Sozialdemokraten und nur 9% für die Zentrumspartei. Die übrigen Wählerinnen und Wähler entschieden sich aber estlandweit zu 31,9% für die Zentrumspartei, 17,2% für die IRL, 13,7% für die Reformpartei und 12,5% für die Sozialdemokraten.

Samstag, Juli 29, 2017

Zwei fahren lassen

Estland ist Internet - Tallinn ist Verkehrspolitik. Nein, das bedeutet nicht die Abwesenheit von W-lan und estnischen IT-Startups in der Hauptstadt. Aber zumindest erzeugte die Einführung des (für die Einwohner) kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs 2013 für einiges Aufsehen - und immerhin ist dieses Experiment ja bisher weder abgebrochen noch gestoppt worden.

Nun ist die estnische Hauptstadt bereit für ein neues Experiment: Ab sofort verkehren in Tallinn selbstfahrende (fahrerlose) Busse - so verkündete es stolz die speziell zur estnischen EU-Präsidentschaft eingerichtete Webseite. Bei genauerem Hinsehen wird aber auch klar, dass die vorgesehene Proberoute erstens nur etwa 600m lang ist, und andererseits fast nur geradeaus führt. Das Ganze geschieht im Bereich zwischen dem Hafen und der Altstadt - also wohl vor allem auch ein Marketing-Projekt, denn hier kommen fast alle Touristen und Gäste der Stadt vorbei.
100.000 Euro kostet das Projekt, so sagen die Organisatoren. Diese Summe soll aber weitgehend von den Partnern der Stadtverwaltung Tallinn übernommen werden - von privaten Investoren Microsoft Estonia über den Militärausrüster MILREM, Blockchain-Spezialist Guardtime, und DSV Transport und Logistik und die Reederei TALLINK.

Allerdings sind die Esten in diesem Fall nicht die ersten: ähnliche Busse wurden bereits 2016 in Helsinki getestet (Guardian), und auch die Finnen verwiesen damals auf die ersten, die selbstfahrende Busse in den öffentlichen Verkehr brachten: die Niederländer (mit sechs Passagieren und 200m Strecke). Die Finnen aber waren offenbar auch auf ihre Straßenverkehrsordnung stolz: dort sind Fahrer für Fahrzeuge gar nicht zwingend vorgesehen. Dennoch wurde der Betrieb auf einer weitgehend abgezäunten Route durchgeführt.

"Da 90% der Verkehrsunfälle durch menschlichen Irrtum verursacht werden, wird der Easysmile EZ10 den Schlüssel zur Erhöhung der Verkehrssicherheit darstellen", so der Leitspruch der Herstellerfirma "Easysmile", die ihren Hauptsitz in Frankreich besitzt (siehe auch Präsentations-Video). Der Praxistest in Tallinn ist übrigens limitiert: die beiden Busse fahren auf einer Straßenbahnstrecke, die gegenwärtig modernisiert wird. Daher wird es die beiden "Selbstfahrer" vorerst nur im August 2017 geben. Das Verkehrsrecht in Estland wurde aber für weitere Projekte angepasst: solange eine Person den Betrieb überwacht und im Notfall eingreifen kann sind selbstfahrende Fahrzeuge zugelassen.

Mittwoch, Juni 28, 2017

Musikalischer Grundstein

Arvo Pärt ist schon heute der wahrscheinlich weltweit bekannteste Komponist Estlands. Diese Anerkennung äußert sich auch dadurch, dass schon 2010 begonnen werden konnte, seine Werke zu archivieren und zu einem musikalischen Kreativzentrum werden zu lassen. Am 19. Juni wurde nun der Grundstein gelegt auch für ein neues Gebäude:unter Glockenklängen, und in Anwesenheit einiger Gäste aus der estnischen Kultur und Politik, ja sogar versehen mit dem Segen eines orthodoxen Priesters wirkte es fast wie eine religiöse Zeremonie - ein feierliches Versprechen.

So wird das kleine Örtchen Laulasmaa, knapp 35 km westlich von Tallinn an Estlands nordwestlicher Küste gelegen, künftig wohl nicht nur viele Sommergäste haben, sondern es werden auch viele Musikinteressierte und Pärt-Fans kommen. Nach drei Jahren Bauzeit soll dann das von den spanischen Architekten Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano entworfene Gebäude fertiggestellt sein. Künftig wird auf 2,348 m2 dort das Archiv, eine Halle mit 140 Zuschauerplätzen, ein Ausstellungsgelände, eine Videohalle, Klassenräume für Studierende wie auch die Räumlichkeiten für die Angestellten zu finden sein.

Der "Grundstein", eine verschließbare Metallbox, wurde vorher noch mit Inhalt gefüllt: Anu Kivilo, Geschäftsführerin des Arvo Pärt Zentrums, befüllt es mit Hilfe des Meisters selbst mit einer Ausgabe der Kulturzeitschrift "Sirp", einem Bronzeglöckchen, einer Liste der Mitarbeiter des Zentrums - und einem Memorystick mit besonderen Inhalt: hierauf gespeichert die Uraufführung des Stücks "Tabula rasa" vom 30.September 1977, aufgeführt von  Tatiana Grindenko, Gidon Kremer, Alfred Schnittke und dem Kammerochester des Estnischen Theaters unter Leitung von Eri Klas.

Architekt Enrique Sobejano stellte zu Pärts Musik Vergleiche an: "Ruhe, Schönheit und Geometrie - das gilt auch für die Architektur." Auch Ministerpräsident Jüri Ratas nahm an der Zeremonie teil. Das neue Haus strebt eine Eröffnung noch 2018, zu Estlands 100.Geburtstag, an. (ERR)

Arvo Pärt Zentrum

Donnerstag, Juni 01, 2017

Tallinn, Europas Mitte

Estland ist bereit. Vielleicht wird sich mancher noch an die schwierigen Zeiten Anfang der 1990iger Jahre erinnern - damals hätte man sich nicht vorstellen können, dass ganz Europa die wichtigsten Konferenzen ausgerechnet in Estlands Hauptstadt - die manche älteren Deutschen hartnäckig "Reval" nennen - veranstalten würde. Heute ist die Perspektive sogar  beinahe umgekehrt: damals konnten sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen, dass ein Land wie Estland erstens eine Existenzberechtigung hat und zweitens zu Europa wie selbstverständlich dazugehört. Heute blicken viele Europa-Freunde hoffnungsvoll an die östliche Ostsee: hier scheinen die entschlossensten Europäer überhaupt am Werk zu sein.

So gibt denn Estland ab dem 1. Juli sogar einen Teil der Tagesordnung vor. Wer sich die estnische Selbstdarstellung der EU-Präsidentschaft anschaut, wird vielleicht im ersten Moment an eine Variante der vom US-Präsidenten Trump bekannten Sprüche denken: Estonia first? Nein, "Estonia will be in the focus" ist hier ganz anders gemeint. Europa schaut nach Estland. Bereits in den vergangenen Wochen überflutete die deutschsprachige Presse eine Welle von Beiträgen über das moderne digitale Estland (siehe Rheinische Post, Bayernkurier, Tagesspiegel, Die Presse, FAZ, BerlinValley, Weserkurier, Thüringische Landeszeitung, Der Standard, Wirelesslife). Deutsche Politiker sprachen von ihrem eigenen Land als "digitales Entwicklungsland", und auch der 10.Jahrestag eines russischen Cyberangriffs auf Estland fand Beachtung (siehe Netzpiloten, NZZ).

Die estnischen Verantwortlichen benennen 5 Themenfelder, zu denen die internationale Aufmerksamkeit auf Estland gelenkt werden soll:Kultur, Wirtschaft, Informationstechnologie, Tourismus und Wohnen, sowie Bildung und Wissenschaft. Regierungschef Jüri Ratas gab kürzlich Pläne für eine europäische Digitalkonferenz bekannt, die Ende September / Anfang Oktober stattfinden soll (Termin steht noch nicht fest, ERR). In Brüssel dagegen war es Kulturminister Indrek Saar, der Schwerpunkte der estnischen EU-Präsidentschaft vorstellte - auch hier war die Rede von audiovisuellen Medien und der "digitalen Revolution". Andere Themen: Verbesserung des Zugangs zur Kultur und dem Kulturerbe, die Rolle von Trainern im Sport, und die Gesundheitsförderung.Zu den Kosten heißt es, 75 Millionen Euro seien eingeplant - davon allein 41 Millionen für Personal, und 23 Millionen für Veranstaltungen. Eines haben sowohl Estland wie die Europäische Union auf jeden Fall gemeinsam: blaue Luftballons reichen aus, sie symbolisieren beides.

Die größten und zentralen Veranstaltungen während der Präsidentschaft sollen übrigens im "Kulturikatel" in Tallinn stattfinden; der Ort hat eine interessante Vergangenheit: nicht dass sich hier ehemals ein Heizkraftwerk befand, sondern hier wurden auch Aufnahmen für Andrei Tarkovskys Kultfilm „Stalker“ gemacht.
Zu den kulturellen Glanzpunkten soll die Europatour der Folkband "Trad.Attack!" zählen,"Streetart in verschiedenen europäischen Hauptstädten" (wo genau, vielleicht Teil der Überraschung?), Paavo Järvi geht mit einem estnischen Festivalorchester auf Tournee, in London gibts die estnische Designausstellung "Size doesn't matter", in Brüssel gibts eine Kunstausstellung und eine Ausstellung estnischer Musikinstrumente, Mitte November präsentiert sich estnischer Jazz eine Woche lang in Belgien, die estnische Nationaloper wird auf Tour nach Finnland gehen, inn Helsinki gibt es eine Konferenz zum Thema "virtuelle Realität", und den Abschluß macht Ende Januar 2018 ein Arvo-Pärt-Festival. Dann kann es mit dem Feiern gleich weitergehen - 100 Jahre Estland.

Mehr Infos:
Estnischer Ratsvorsitz (auch Infos in Deutsch)
Infos zum Ratsvorsitz (Englisch / Estnisch / Russisch)
Estnisches Kulturministerium
Estnisches Parlament "Riigikogu" zur EU-Präsidentschaft