Donnerstag, Juni 01, 2017

Tallinn, Europas Mitte

Estland ist bereit. Vielleicht wird sich mancher noch an die schwierigen Zeiten Anfang der 1990iger Jahre erinnern - damals hätte man sich nicht vorstellen können, dass ganz Europa die wichtigsten Konferenzen ausgerechnet in Estlands Hauptstadt - die manche älteren Deutschen hartnäckig "Reval" nennen - veranstalten würde. Heute ist die Perspektive sogar  beinahe umgekehrt: damals konnten sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen, dass ein Land wie Estland erstens eine Existenzberechtigung hat und zweitens zu Europa wie selbstverständlich dazugehört. Heute blicken viele Europa-Freunde hoffnungsvoll an die östliche Ostsee: hier scheinen die entschlossensten Europäer überhaupt am Werk zu sein.

So gibt denn Estland ab dem 1. Juli sogar einen Teil der Tagesordnung vor. Wer sich die estnische Selbstdarstellung der EU-Präsidentschaft anschaut, wird vielleicht im ersten Moment an eine Variante der vom US-Präsidenten Trump bekannten Sprüche denken: Estonia first? Nein, "Estonia will be in the focus" ist hier ganz anders gemeint. Europa schaut nach Estland. Bereits in den vergangenen Wochen überflutete die deutschsprachige Presse eine Welle von Beiträgen über das moderne digitale Estland (siehe Rheinische Post, Bayernkurier, Tagesspiegel, Die Presse, FAZ, BerlinValley, Weserkurier, Thüringische Landeszeitung, Der Standard, Wirelesslife). Deutsche Politiker sprachen von ihrem eigenen Land als "digitales Entwicklungsland", und auch der 10.Jahrestag eines russischen Cyberangriffs auf Estland fand Beachtung (siehe Netzpiloten, NZZ).

Die estnischen Verantwortlichen benennen 5 Themenfelder, zu denen die internationale Aufmerksamkeit auf Estland gelenkt werden soll:Kultur, Wirtschaft, Informationstechnologie, Tourismus und Wohnen, sowie Bildung und Wissenschaft. Regierungschef Jüri Ratas gab kürzlich Pläne für eine europäische Digitalkonferenz bekannt, die Ende September / Anfang Oktober stattfinden soll (Termin steht noch nicht fest, ERR). In Brüssel dagegen war es Kulturminister Indrek Saar, der Schwerpunkte der estnischen EU-Präsidentschaft vorstellte - auch hier war die Rede von audiovisuellen Medien und der "digitalen Revolution". Andere Themen: Verbesserung des Zugangs zur Kultur und dem Kulturerbe, die Rolle von Trainern im Sport, und die Gesundheitsförderung.Zu den Kosten heißt es, 75 Millionen Euro seien eingeplant - davon allein 41 Millionen für Personal, und 23 Millionen für Veranstaltungen. Eines haben sowohl Estland wie die Europäische Union auf jeden Fall gemeinsam: blaue Luftballons reichen aus, sie symbolisieren beides.

Die größten und zentralen Veranstaltungen während der Präsidentschaft sollen übrigens im "Kulturikatel" in Tallinn stattfinden; der Ort hat eine interessante Vergangenheit: nicht dass sich hier ehemals ein Heizkraftwerk befand, sondern hier wurden auch Aufnahmen für Andrei Tarkovskys Kultfilm „Stalker“ gemacht.
Zu den kulturellen Glanzpunkten soll die Europatour der Folkband "Trad.Attack!" zählen,"Streetart in verschiedenen europäischen Hauptstädten" (wo genau, vielleicht Teil der Überraschung?), Paavo Järvi geht mit einem estnischen Festivalorchester auf Tournee, in London gibts die estnische Designausstellung "Size doesn't matter", in Brüssel gibts eine Kunstausstellung und eine Ausstellung estnischer Musikinstrumente, Mitte November präsentiert sich estnischer Jazz eine Woche lang in Belgien, die estnische Nationaloper wird auf Tour nach Finnland gehen, inn Helsinki gibt es eine Konferenz zum Thema "virtuelle Realität", und den Abschluß macht Ende Januar 2018 ein Arvo-Pärt-Festival. Dann kann es mit dem Feiern gleich weitergehen - 100 Jahre Estland.

Mehr Infos:
Estnischer Ratsvorsitz (auch Infos in Deutsch)
Infos zum Ratsvorsitz (Englisch / Estnisch / Russisch)
Estnisches Kulturministerium
Estnisches Parlament "Riigikogu" zur EU-Präsidentschaft


Dienstag, Mai 02, 2017

Rail immer geradeaus

Auch in Estland erregt der Bau der "Rail Baltica", der geplanten Eisenbahn-Schmalspur-Schnellstrecke von Warschau nach Tallinn, einigen Widerspruch. Während einige der Bahnliebhaber fast schon sehnsüchtig darauf warten, auch wieder per Bahn die Hauptstädte der baltischen Staaten erreichen zu können, regen sich andere über manche Planungsentwürfe auf, denen zufolge die neu zu bauende Strecke (1.435 mm Spurweite, statt der russischen 1.520 mm) einfach schnurgerade durch Landschaften und Vorstädte hindurch gebaut werden soll.
Die Folgen für die Umwelt seien nicht genügend vorher abgewogen worden, das meinen auch die Teilnehmer entsprechender Demonstrationen in Estland, und, als Konsequenz: "Stop fail baltic!".

Bereits seid 20 Jahren wird von verschiedenen Seiten überlegt, wie auch die Bahnverbindungen zwischen den baltischen Staaten - und ggf. einer Verbindung nach Helsinki - verbessert werden kann. Inzwischen hat der Auto- und LKW-Verkehr überall die Verkehrsentwicklung bereits dominiert. Resultat: knappe finanzielle Ressourcen verschlingen immer größere Summen für die Reparatur von Straßen. Der große Nachteil bei der jetzt im Bau befindlichen Bahnstrecke ist einerseits, dass sie wegen der unterschiedlichen Spurbreite nicht vernetzt werden kann mit schon existierenden Strecken, und andererseits wegen der beabsichtigen Schnelligkeit fast nirgendwo anders Bahnhöfe haben wird wie nur in den Hauptstädten (in Estland zusätzlich nur in Pärnu).

Futuristisches Bahnfahren - so sieht der Entwurf
der Projektplaner für den Bahnhof von Pärnu aus
Das Management des "Rail-Baltica"-Projekts dagegen gibt sich umweltfreundlich: Schallschutzbarrieren, grüne Korridore, die Nutzung abbaubarer Textilien, Passage-Möglichkeiten für Amphibien - das alles soll es geben. Angekündigt haben die Betreiber auch, die Trasse werden keine der von der EU speziell unter Schutz gestellten Natura2000-Flächen berühren.Das Projekt soll bis 2025 fertiggestellt werden.

Freitag, April 21, 2017

Ostermathematik

"Wir haben 200 Arbeitstage in Estland, jeder ist etwa ein halbes Prozent wert. Aber im vergangenen Jahr hatten wir nur ein halbes Prozent Wachstum; ein zusätzlicher Feiertag würde uns also erheblich schaden." (ERR)
Wer das sagt, war einige Monate lang tatsächlich Estlands Wirtschaftsminister - im Kabinett Tiit Vähi 1992. Danach wurde er Wirtschaftsberater - für Politiker wie Edgar Savisaar, für Banken und internationale Institutionen. Heido Vitsur, geboren 1944 und Mitglied der Zentrumspartei, ist seit einigen Monaten auch Berater der estnischen Präsidentin Kaljulaid.

In diesem Fall geht es um den Ostermontag. In vielen europäischen Ländern ein staatlicher Feiertag, in Estland nicht. Die Gegner der Einführung eines neuen Feiertags argumentieren, dass laut Umfragen 84% der Estinnen und Esten angeben, Religion und Kirche spielten in ihrem Leben gar keine oder nur eine sehr geringe Rolle. Warum also Ostern ausgiebiger feiern? Ähnliches wie in Estland gilt auch für Malta, Portugal, Lichtenstein, Monaco, oder San Marino - Ostermontag ist auch dort Arbeitstag, bis auf Portugal ist dies allerdings eine Ansammlung eher kleinerer Länder, einer Eigenschaft, die Estland sonst ungern herausstellt.

Vielleicht sind es aber tatsächlich andere Bräuche, die in Estland zu Ostern begangen werden. So weist auch der MDR schon in einer Sendung ("Heute im Osten") darauf hin, dass es verschiedene Bezeichnungen für das Osterfest gibt: Eierfest ("Munapühad"), Frühlingsfest ("Kevadpühad"), Schaukelfest ("Kiigepühad") oder Fleischfest ("Lihavõttepüha"). Und neben dem "Fleischfest" gibt es sogar auch einen "Tag des Wegwerfens von Fleisch" ("lihaheitepäev"), weiß "Eestikultuurist".
Auch der "Osterhase" sei in Estland unbekannt. Andere Autoren dagegen bemerken zurecht, dass Osterhasen sehr wohl auch in Estland auftauchen ("interaktiver Kulturkoffer"). Deutsche, die in Estland Ostern erleben, erzählen ebenfalls von Schwierigkeiten sogar einen einfachen Ostergruß zu finden: großer Eierfeiertag? (Krissi sagt tere) Wobei das Eiersuchen in Estland ziemlich unbekannt sein soll. Warum also zusätzlich feiern? Auch Ostersonntag bleiben schließlich die Geschäfte geöffnet - wahrscheinlich ebenfalls wegen den "Prozenten" ...

Samstag, April 08, 2017

Süßes Estland

Der "Öö-Club Sugar" ist eine der heißesten Adressen der estnischen Hafenstadt Pärnu - ob demnächst ein Strategiewechsel anstehen wird? Die estnische Regierung jedenfalls plant mit einer neuen, mehrstufigen Steuer den Trend zu immer mehr Zucker umzudrehen. Falls das Gesetz wie geplant in Kraft tritt, sollen Getränke mit 5-8g Zucker pro Liter etwa 35% im Verkaufspreis teurer werden, bei über 8g Zuckergehalt sogar bis zu 50%. Allerdings soll die Umsetzung über zwei Jahren gestreckt werden; ab 2018 soll der Steuersatz bei Getränken über 10g Zucker pro Liter 36 Cent betragen, ab 2019sinkt diese Grenze auf 9g, um ab 2020 dann ab 8g Zuckergehalt schon zu gelten. Berechnungen des estnischen Finanzministeriums zufolge soll dies, falls auch Säfte mit Zuckerzusatz einbezogen werden, eine jährliche zusätzliche Steuereinnahme von bis zu 25 Millionen Euro ergeben (Baltic Course).

Natürlich denken viele angesichts solcher Pläne vor allem an die US-amerikanischen Großkonzerne mit ihrem stark zuckerhaltigen Getränkeangebot. Der estnische Gesundheitsminister Jevgeni Ossinovski (Sozialdemokrat, SDE) äußerte sich jedenfalls zuversichtlich, das neue Gesetz könne die Hersteller dazu bewegen, den Zuckergehalt in ihren "Softdrinks" zu senken (ERR). Alles was nur 5% Zucker und weniger enthalte, sei von der neuen Steuer nicht betroffen. Obwohl es auf den ersten Blick fragwürdig erscheine, Firmen wie Coca-Cola durch ein Gesetz im kleinen Estland zu irgend welchen Änderungen zu bewegen, dann zeige sich doch, so Ossinovski, dass auch bei diesen Konzernen der Zuckergehalt der Getränke von Land zu Land sehr unterschiedlich sei. Ähnliche Pläne wie Estland gibt es auch in den EU-Ländern Portugal, Irland, Spanien und Frankreich. Pressemeldungen zufolge gibt es tatsächlich bei einigen Herstellern Pläne zur Reduzierung des Zuckergehalts (FoodNavigator). Begründet wird das allerdings mit geänderter Verbrauchernachfrage.

Kritische Stimmen kommen u.a. von der estnischen Lebensmittelverarbeitenden Industrie (Eesti Toiduainetööstuse Liit - ETL). Der Verband weist darauf hin, dass innerhalb der Europäischen Union (EU) keine bestimmte Warengruppen "diskriminierenden" Gesetze zulässig seien - so sei auch schon eine finnische Steuer auf Süßwaren und Eis und ein dänische Besteuerung der Verwendung von gesättigten Fettsäuren inzwischen wieder aufgehoben worden. In Finnland wurde die Regelung allerdings wegen ungleicher Besteuerung von Warengruppen aufgehoben (Steuer auf Süßwaren, nicht aber auf Plätzchen). Das finnische Zuckerbesteuerungsgesetz von Softdrinks, bereits seit 1940 in Kraft, bleibt allerdings bestehen.
Auch EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hatte sich kürzlich positiv über die Einführung einer Steuer auf Zucker geäußert.

Freitag, März 31, 2017

Herr der Nixen

Die Nixen von Estland - das war vielleicht sein legendärstes Buch in deutscher Sprache - obwohl Leserinnen und Leser es vielleicht gar nicht mit einem bestimmten Land in Verbindung brachten. Denn obwohl der Verfasser, wie er im Vorwort schrieb, "sein Werk dem geschätzten Leser mit einigem Herzklopfen" vorlegte, waren es vielleicht erst die zauberhaften Illustrationen von Kat Menschik, die der Fassung des zuletzt im Eichborn Verlag erschienenen Buches seine ganze Verschrobenheit verlieh.
Andererseits hatte das von einem Esten Geschriebene auch in diesem Fall den schicksalhaften Weg über das Russische genommen, bevor es ins Deutsche übersetzt wurde, wie bei einigen weiteren seiner Werke (nicht bei allen). In der Eichborn-Ausgabe von 2002 rückt dann allerdings der Text, ebenso wie dessen Ursprungsland, ganz in den Hintergrund. Anders, direkt aus dem Estnischen, erschienen Vetemaa-Texte ("Parade eines gerupften Pfaus" oder "Requiem für eine Mundharmonika") später im Literaturmagazin "Estonia".

Enn Vetemaa wurde 1936 in Tallinn geboren. Ungewöhnlich seine Studien: zunächst wurde er Chemieingenieur an der Technische Universität Tallinn, dann studierte er Musikkomposition an der estnischen Musikakademie. Im Estnischen Fernsehen avancierte er zum Redakteur für Literatur und Kunst. Als Schriftsteller debutierte er 1962, ab 1968 schrieb er auch Theaterstücke, aber er komponierte auch Filmmusik, schrieb Opern-Libretti und viele Kurzgeschichten, mehr als 20 Romane. Das "Estonian Literature Centre" rechnet Vetemaa zur "literarischen Generation der 1960iger", da er in dieser Zeit auch der führende Prosa-Autor gewesen sei. Später sei er zu einer Art "vergessenem Klassiker" geworden, zwischenzeitlich sei er als ein zu oberflächlich Schreibender angesehen gewesen. Cornelius Hasselblatt bezeichnet Vetemaa's Werke als "in der gesamten Sowjetunion kontrovers diskutiert", da er "negative Helden" geschaffen habe, die in der Welt des sozialistischen Realismus eigentlich gar keinen Platz hatten.

"Ich mache mich wieder auf den Weg, und wenn ich endgültig müde werde wirst vielleicht du mich ablösen und weitergehen.Du wirst viel weiter gehen als ich gehen konnte." (Enn Vetemaa, Schlußwort zu "die Nixen in Estland")
Am 28. März 2017 starb Enn Vetemaa im Alter von 80 Jahren in Tallinn.

Montag, Februar 20, 2017

Europa träumen mit Laanemäe


Nein, eigentlich gibt es kein andere Partei in Deutschland, die noch mehr davon redet Europa eigentlich selbst erfunden zu haben, als die CDU. Vielleicht passte der Geist von de Gaulle und Adenauer in ihre Zeit, und bewirkte durchaus Großes – aber dass er auch heute noch vorhergetragen werden muss, wenn es um die Zukunft Europas geht, da mag mancher um eben diese Zukunft Sorgen bekommen.

Nun, die Adenauer-Stiftung hat eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen: Europabilder. Und das erste „Bild“ sollte, im Rahmen eines gut besuchten Vortrags am 15. Februar, der estnische Botschafter Mart Laanemäe beitragen. Er nahm es wörtlich. Wer ihn kennt, dem ist ja auch seine Art, steil himmelwärts blickend die Worte sorgsam zu erwägen, bekannt. Für eine moderierte Diskussion mag das immer reichen, zumal wenn der Moderator bisher nicht durch veröffentlichte estnische Sachkenntnis aufgefallen ist. Aber dieses, offenbar ohne Redemanuskript vorgetragene, eher laut gedachte Suchen nach Bildern war anfangs mühsam diesmal. Sehr mühsam.
Laanemäe, der seinem Publikum versuchte zu beschreiben, an welcher Stelle genau Kanzlerin Merkel die hohen Staatsgäste empfängt, an den Wänden die Abbilder der Karlspreisträger vieler Jahrzehnte, wirkte eher wie jemand, der weder in solchen Fällen einfach mal ein Selfie mit dem Handy machen kann, noch die Regeln der Fotografie mit Kontrast, Blende und Tiefenschärfe richtig verstanden hat. Eigentlich wisse er auch gar nicht so richtig, wie Europa aussehe, meinte er schließlich – also konkrete Bilder für das momentan existierende Europa könne er sich da viel weniger vorstellen als für das zukünftige Europa. Doch genau dies wirkte dann doch wie ein sehr schlicht geschneidertes Rezept: einfach das Gute von Europa für die Zukunft bewahren, das Schlechte weglassen, gab Laanemäe seinem Publikum zu verstehen. Erstaunlich: sind solche Plattheiten wirklich das Surrogat aus jahrelanger diplomatischer Erfahrung? Manche der Gäste wünschten sich von estnische Seite gar eine Kur für Deutschland: ob der Herr Botschafter denn vielleicht Vorschläge habe, wie Deutschland verbessert werden könnte, wurde gefragt. Nein, da könne er viele Ländern nennen, zu denen ihm sofort etwas einfallen würde, aber Deutschland? Leider nein.

Erheblich konkreter wirkte der in Kanada geborene Laanemäe, gerade frisch zum zweiten mal als estnischer Vertreter in Deutschland ernannt, bei estnischen Alltagsfragen. Aber das lag auch teilweise an den geduldigen Fragen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer – offenbar mehrheitlich Estland-Fans. Das ging von den häufig schon neu aufgewärmten Tunnelbauplänen für die Strecke Tallinn-Helsinki, über die Gasversorgung im Ostseeraum, bis zum erfolgreichen Roggenanbau in Estland. Bei der Frage nach der Lage der Russen in Estland ließ das Publikum eine sehr vage Antwort zu. Zahlen wurden hier nicht genannt. Auf die Frage, wieviele der gebürtigen Russen denn inzwischen die estnische Staatsbürgerschaft beantragt hätten, meinte Laanemäe lediglich: „es haben insgesamt mehr beantragt als bis jetzt nicht beantragt“.
Für sich genommen wirken solche Antworten wirklich ausweichend, doch Moderator Zeeck, ein offenbar verdienter Adenauer-Stipendiat schaffte es, gleichzeitig noch angebliche Pläne in den Raum zu stellen, die Region Narwa aus Estland herauszulösen und Russland zuzuschlagen. Exakte Quellen für solche angeblichen Zitate wurden keine genannt (sowas habe er vor 20 Jahren mal irgendwo gehört). Wer will da schon noch Fakten über die Gegenwart hören, wenn gleich daneben Dinge behauptet werden, von denen es Lanemäe nicht schwerfällt sie klar zu dementieren.

Was bleibt also von diesem Abend? Die „estnischen Bilder“ von Europa (Fotos) wurden leider schon vor Beginn des Vortrags gezeigt – das verriet die Veranstaltungsleitung, nachdem alles vorbei war. Weder während des Vortrags, noch als Illustration während des Abends gab es Fotos aus dem Herkunftsland des Gastlektors – sicher ein Detail, das bei den kommenden, ähnlichen Abenden noch optimiert werden kann.

Wirklich neu waren die Antworten Mart Lanemäes auf die Frage, warum er nun schon zum zweiten Male nach Deutschland entsandt worden sei. Ob er es beim ersten Mal so herausragend gut gemacht habe? „Nun ja,“ meinte Laanemäe schmunzelnd, "manche nennen es auch 'nachsitzen'.“ In Wirklichkeit sei dieses Verfahren aber eine indirekte Folge des BREXIT, und der Tatsache, dass Estland anstelle Großbritanniens nun schon in wenigen Monaten den EU-Ratsvorsitz zu übernehmen habe. Da habe man in Brüssel eben sehr viele Leute gebraucht. Blieb Laanemäe für Deutschland. Vielleicht auch wirklich deshalb, weil - wie auch auf dieser Veranstaltung zu beobachten war, Mart Laanemäe zwar auf so manches Deutsche, auf vieles Estnische zu fokussieren weiss – aber so gut wie nichts zur Zukunft Europas. „Nehmen wir das Positive, lassen wir das Schlechte weg“ wirkt jedenfalls nicht wie ein Konzept für Praktiker.

Sonntag, Februar 12, 2017

Dorf plus Dorf = 5000

Die estnische Regierung plant eine umfassende Gemeindereform für ganz Estland: in Zukunft soll eine Mindestzahl von 5000 Einwohnern gelten, um als selbstständige Gemeinde weiterbestehen zu können - bisher wiesen 80% aller estnischen Gemeinden weniger als 5000 Einwohner auf. Einige Ausnahmen sieht die Reform vor: die Inselgemeinden Kihnu, Muhu, Vormsi und Ruhnu bleiben in der bisherigen Form bestehen.

Die Gemeindevertreter Estland müssen sich bis zum 15. Mai zu einem Vorschlag des estnischen Finanzministeriums Stellung nehmen. Auf dieser Liste befinden sich zum Beispiel Vorschläge zur Vereinigung der Gemeinden Padise, Paldiski und Keila im Westen Estlands, Alatskivi, Kallaste und Pala am Peipsi-See im Osten, oder Puka, Otepää und Sangaste im Süden des Landes (siehe ERR).
Das zuständige Ministerium betont seinerseits, dass bisher bereits viele Gemeinden (160 der anvisierten 213) einen Zusammenlegungsvorschlag vorgelegt haben, den die Regierung für akzeptabel gemäß der beabsichtigten Kriterien hält. Nach der Reform wird die Gemeinde Saaremaa die einwohnerstärkste Landgemeinde Estlands sein (32.000 Einwohner).

Aber der zukünftige Gemeindezuschnitt wird nicht nur eine Frage von Zahlen und Finanzen sein. Über manche der vorgesehenen gemeinsamen Namen gibt es noch anhaltende Diskussionen.
eine Karte der Zeitung "Postimees" zur Verdeutlichung
von Plänen zur Zusammenlegung
So pocht die kleine Gemeinde Lüganuse (deutsch: Luggenhusen) zum Beispiel auf eine Tradition bis zurück ins 13. Jahrhundert, während es Kiviõli erst 70 Jahren gäbe - 1928 durch den Ölschieferabbau geschaffen (Postimees). Kiviõli selbst war 1957-1991 Teil der Gemeinde Kohtla-Järve, und besteht eher aus russischsprachigen Einwohnern, während Lüganuse eher estnisch dominiert ist. Kiviõli ist bekannt wegen der dort stattfindenden Motocross-Rennen, Lüganuse eher durch sichtbare Kulturgeschichte wie ein markanter runder Kirchturm. - Da ist noch viel Platz für Diskussionen und neue Lösungsvorschläge während der kommenden Wochen. Dennoch ist der Zeitplan eng: die noch für 2017 anstehenden Kommunalwahlen sollen in den Gemeinden nach dem neuen Zuschnitt erfolgen.

Samstag, Januar 14, 2017

Mega-Sterne auf dem Wasser

Ende Januar wird der Schiffsverkehr zwischen Tallinn und Helsinki um eine neue Dimension bereichert: die Reederei "AS Tallink Grupp" wird dann erstmals die neue "Megastar" einsetzen; nach Auskunft der Betreiber schnell, modern und umweltfreundlich. Allerdings ist bei dieser Art Schiffsreise niemand mehr mit dem Sonnenuntergang allein: das neue Schiff wird bis zu 2850 Passagiere befördern können. Manche Gäste werden nicht einmal den Unterschied zum Festland bemerken - bis auf den Blick aufs Wasser natürlich. Aber wer will schon bloß aufs Wasser schauen, wenn Restaurants, Einkaufsmärkte, Bars und Kinderbelustigung locken. 400 Menschen werden gleichzeitig am Buffet aufschlagen können, und bei 2800 Quadratmeter Supermarkt-Verkaufsfläche hat jeder Gast sozusagen seinen eigenen kommerziellen Meter.

Gebaut wurde das Schiff bei der "Meyer Turku Oy" in Finnland, die 2014 von der deutschen Meyer-Werft übernommen wurde. Neuartige Motoren des Herstellers Wärtsila werden hier eingesetzt, die mit LNG (verflüssigtes Erdgas) als Antriebsstoff arbeiten, was als umweltfreundlich gilt (jedenfalls im Vergleich mit Diesel oder Schweröl). Damit können Reisende zwischen Tallinn und Helsinki sich selbst einen Eindruck davon verschaffen, was als "Wettrüsten auf den Meeren" bezeichnet wird (siehe Spiegel). Mit diesem Schritt Richtung "Green Shipping" erhofft sich der Konzern natürlich auch positive Schlagzeilen.

Um die neugierigen Nachfragen zu befriedigen, hat die "Megastar" im Internet auch einen eigenen Blog: in Englisch, Estnisch Finnisch und Russisch können Interessierte sich hier Eindrücke verschaffen. In Turku arbeitet die Firma "Modelco" bereits an Miniaturen des Schiffes. Und in Helsinki wird, rechtzeitig zur Inbetriebnahme des Schiffes, ein neues Abfertigungsterminal eingeweiht werden. Ob man so große Schiffe mag oder nicht - zumindest ohne stinkenden Qualm aus dem Schornstein wird es also jetzt zwischen Tallinn und Helsinki zugehen.
9,5 Millionen Menschen transportierte die "AS Tallink Grupp" im Jahr 2016 insgesamt; der stärkste Passagieranstieg (7%, auf über 5 Millionen) war dabei auf der Strecke Tallinn-Helsinki zu verzeichnen (Kreuzfahrtblog). 

Dienstag, Dezember 20, 2016

Maitse, Rukkileib und Fuchswoche

Was Estland-Blogs berichten.
Auch in der Welt der Studierenden sind inzwischen Eindrücke aus Estland nicht mehr so selten, wie vielleicht noch vor 10 Jahren. Inzwischen gibt es einige sehr eifrige Bloggerinnen und Blogger, die uns vom alltäglichen Leben in Estland auch in deutscher Sprache auf dem Laufenden halten.

"Meine erste Idee war, jede Woche einen Song zu posten, der meine aktuelle Stimmung wiedergibt", schreibt Eva, die ihren Blog "Evaestonia" immerhin schon seit August 2012 betreibt - der momentan letzte Eintrag stammt allerdings jetzt von Mai 2016. Den Ausdruck "Eesti maitse" zählt Eva zu ihren Lieblingswörtern ("die Kombination der beiden Wörter uus und maitse finde ich einfach gut"). Also "neu" und "Geschmack", im zweifelsfalls auch für schlichte Cola-Werbung in Gebrauch.Aber auch das Rezept für ein "Rukkileib" (Roggenbrot) findet sich bei Eva, Infos zum Streetart-Künstler Edward von Lõngus, oder Tipps zur estnischen Musikszene.

Etwas mehr Ansprüche an ihren Blog äußert Simone, EX-BWL-Studentin aus Wiesbaden, die sich, nach Zwischenstationen in Münster und Berlin, vorerst einen Wohnsitz auf den Seychellen gesucht hat. In ihrem Blog "Wolkenweit" geht sie auf digitale Reisen. Hier steht Estland in einer Reihe mit Neuseeland, Kuba, Sansibar, Curaçao und Südafrika - warum auch nicht? "Alternatives Sightseeing" bietet Simone an, und fragt sich erstaunt, warum sie ein so schönes Land bisher übersehen konnte. Sie entdeckt die (fast) einsame Inseln Prangli und Malusi, selbst gepflückte Pfifferlinge, die Burg Rakvere mit Folterkammer-Führung und echte Bären. Auch Moorschuhe sind ihr bisher neu, Sauna und Apfelkuchen, sowie ein estnisches Bullerbü. Kein Wunder, dass diese Übersicht als "alternativ" durchgeht - kommen doch Tartu und Tallinn kaum vor, mit Ausnahme von Kalamaja, von Simone als "Prenzlberg von Tallinn" bezeichnet.

Marie ist in Estland als Austauschschülerin. Auch sie schreibt über Rakvere, dazu Narwa, Tallinn und Tartu. Die Zeit vergeht schnell, und überrascht beschreibt Marie einen "Lehrertag", an dem die Lehrer morgens tatsächlich die Schule wieder verlassen und die Schülerinnen und Schüler der Klasse 12 das Regiment übernehmen. Besonders viel schlauer geworden ist Marie an diesem Tag offenbar nicht, aber sie meint: sowas könnte man auch mal in Deutschland einführen. "Schick machen für die Schule" - auch das gibts in Estland.

Auch Krissi machte ein Auslandsschuljahr und hat ordentlich Kommentare und Erfahrungsberichte dazu im Netz hinterlassen. "365 Tage Tere" resumiert sie, und nur eines ihrer Ziele hat sie in diesem Jahr nicht geschafft: einen freilebenden Elch in Estland zu sehen. Dafür steht aber vieles andere Neues von "Balti kett", estnische Pfannkuchen, ein breites Angebot an Cidre-Getränken, Kiik die Dorfschaukel, bis hin zum "priate space" der Estinnen und Esten. Als in Estland allerdings eine Szene aus dem 2.Weltkrieg nachgespielt wird, reagiert Krissi eher mit Unverständnis. ""inige alte Bundeswehrzelte, es gibt einen Appellplatz mit Lautsprechern und in der Mitte ist die Naziflagge gehisst. Auf dem Platz laufen Letten verkleidet als Nazisoldaten herum und machen Erinnerungsfotos. Ich verstehe es nicht. Wie kann Krieg für Menschen ein Spiel sein?"

"Estland ist zur Zeit das wärmste Land Europas!" dieser Ausruf der 15-jährigen Vicky stammt aus dem Sommer 2014. Manche estnische Worte finden bei ihr besondere Erwähnung wie etwa "Maakonnatantsupid" ("das ist eine Art Festival wo alle Volkstanzgruppen aus dem 'Landkreis?!' zusammen kommen und tanzen und singen"). Auch "Rebastenädal" (Fuchswoche), Rahvatants (Volkstanz) und Väravamäng (Torbogenspiel), sowie das Gefühl "mit einem Klapperbus über Land zu fahren." Und auch Vicky fällt der "Õpetajapäev" (Lehrertag) besonders auf: "typisch estnisch mit viel Gesang und Musik". Tubli!

Ob fast nur Frauen und Mädchen über ihre Estland-Aufenthalte berichten, kann ich nicht beurteilen (da ich es statistisch nicht erfasst habe). Michi's Blog jedenfalls ist nur scheinbar eine Ausnahme, denn hier klingt nur der Name männlich. Auch Michi beschreibt das Verwundern von Freunden und Bekannten: Warum Estland? Eigentlich wollte sie in die USA, gibt er zu. Aber USA wäre zu teuer gewesen, und ein Stipendienantrag war nicht erfolgreich. Also: eine bezahlbare Alternative musste her: Estland. In ihrem Bericht sind interessante Thesen zu finden, wie diese: "in Estland bekommt man nicht so viel Post, da alles über das Internet funktioniert." Auch die Schnelligkeit von estnischem Straßenbau, Feuertänzerinnen am Peipussee, der Besuch einer ehemaligen Raketenabschlußbasis und ein Vapiano in Tartu findet Michi unbedingt erwähnenswert. Auch Michi nutzt übrigens ganz selbstverständlich eine estnische ID-Card, macht sich mit estnischen Berühmtheiten wie Oskar Luts bekannt. Interessant hier eine Liste mit gleich 20 (!) Unterschieden zwischen estnischen und deutschen Schulen. Kurz zusammengefasst: zum Schulanfang ziehen sich alle schick an, es gibt Extra-Schuhe nur für die Schule, alle hantieren ständig mit dem Handy, es gibt kostenloses Mittagessen in der Schule, und auch der Sportlehrer gibt sich wirklich Mühe mit den Schülerinnen und Schülern. Dazu "sind die Noten anders herum" (5 ist die beste), das Klassenbuch ist elektronisch, die Schultechnik funktioniert wirklich, und im Klassenraum gibt es einen Wasserhahn, wo jeder seine Flaschen befüllen kann. Insgesam "um einiges angenehmer und entspannter", findet Michi.

Nun ja, wer also sich im Internet etwas umschaut - ob Gastschuljahr oder Studium: Estland rockt!

Freitag, November 25, 2016

Für'n Schnaps nach Lettland

"Alkoholmeile" im Hafen Tallinn - nicht mehr gut genug
für Freunde des Hochprozentigen?
Neu geschaffene Buslinien bringen im Hafen von Tallinn eingetroffene Gäste nun direkt weiter zur lettischen Grenze - das berichtet die estnische Nachrichtenagentur ERR. Die Firma "Raihan Group OÜ" eröffnete jetzt eine neue, spezielle Route: direkt zu den Grenzorten Ikla und Valga, bereit für den Kurzeinkauf auf der anderen Seite der Grenze, in Lettland.
Rund 50 Euro kostet die Fahrt immerhin, eine Stunde Zeit fürs Shopping am Zielort, plus eine Mahlzeit auf der Rücktour. Abends können die Kunden dann zurück in Tallinn sein.
Momentan wird die "Säufer-Linie" noch ohne Zwischenhalt angeboten.

Wegen der geringeren Verbrauchssteuer in Lettland lohnt sich der Trip sowohl für Esten wie auch Finnen. Die einschlägigen Läden werben sowohl mit ihren Preisen, wie auch der Geschäftslage unmittelbar an der Grenze - konsequenterweise nur in Estnisch und Finnisch. Der Laden einer Alkoholkette im lettischen Valka wurde kürzlich erst um 300m2 erweitert.

Steuererhöhungen in Estland machen es seit einiger Zeit verlockend, Alkohol jenseits der estnischen Grenze im südlichen Nachbarland einzukaufen. Die gegenwärtig gültigen Gesetze erlauben es Estinnen und Esten bis zu 10 Liter Hochprozentiges und 110 Liter leichtere alkoholische Getränke einzuführen. Einer Umfrage zufolge haben in den Grenzbezirken zu Lettland bis zu 70% der estnischen Einwohner/innen schon mal günstigen Alkohol in Lettland gekauft.

Die estnischen Grenzbehörden überlegen bereits eine Kontrolle von Alkoholtouristen durch Kameras, nachdem im Spätsommer bei Kontrollen Fahrzeuge aufgefallen waren, die Alkohol in großen Mengen transportierten, offenbar um dies in Finnland weiterzuverkaufen. Die Rekordmenge wurde bei einem Kleinbus festgestellt, der 1 1/2 Tonnen Bier mit sich führte.
In der lettischen Zeitung DIENA ist ein Preisvergleich nachzulesen: 24 Dosen A. Le Coq Premium Bier kosten in Estland 15 Euro, an der Grenze in Lettland aber nur 9,25 Euro. Und wer dann noch auf die lettische Marke "Aldaris 1865" umsteigt, zahlt für dieselbe Menge noch 7,49 Euro.

Mittwoch, November 16, 2016

Kleinstadtrituale, mütterlich

Estlands allernormalstes Leben findet offenbar in Ida-Virumaa statt: so zeigt es jedenfalls der Film "Ema" (Mutter) von Kadri Kõusaar, Hauptfilm der diesjährigen "Estnischen Filmabende" (EFA05) in Norddeutschland (in Kiel, Hamburg, Berlin, Oldenburg und Bremen). Es ist einer derjenigen Filme, wo empfohlen werden kann, sich vorher den Trailer zum Film anzusehen: es geht hier nur scheinbar darum, einen Kriminalfall aufzuklären.

Lauri, ein junger, offenbar lebenslustiger Mann in einer estnischen Kleinstadt und Lehrer an der örtlichen Schule, wurde von einer maskierten Person überfallen. Seitdem liegt er im Koma, inzwischen im eigenen Elternhaus, gelegentlich visitiert von einer eher gelangweilten Ärztin, betreut und geflegt von der eigenen Mutter. Den Drehort, eben ausgerechnet Ida-Virumaa, habe man deshalb gewählt - so erzählte die Produzentin Aet Laigu bei der Vorführung in Bremen - weil dort am besten diese Art von recht gesichtslosen Reihenhäusern zu finden war, der die Atmosphäre des Films prägt. Hier weht noch nicht der Wind der estnischen Start-ups und der virtuellen Servicewelten: die Wohnungsausstattung atmet den Geruch der 1980iger Jahre, immer wieder hektisch bestaubsaugt von der fürsorglichen Mutter.

Ob die Eltern vor diesem Ereignis im Mittelpunkt des Gemeindelebens standen, wer weiß es. Aber spätestens jetzt ist dieses Haus der Anlaufpunkt für viele Fragen: jeder und jede möchte mal mit Lauri, immer noch reglos im Koma liegend, ein paar Minuten allein sein. Das Dilemma ist offensichtlich: Antworten kann es hier keine geben. Vielleicht hofft jeder Besucher darauf den Moment zu erwischen, wo Lauri doch noch wieder aufwacht? Oder doch noch die großen Geldsummen zu finden, die er Gerüchten zufolge irgendwo versteckt haben soll?
Die Klassensprecherin aus Lauris Schulklasse hofft immer noch, mit ihrem heimlichen Schwarm beim nächsten Ausflug auch mal allein sein zu können. Lauri's Freundin bleibt sogar über Nacht, versucht Momente der vergangenen Zweisamkeit zu bewahren und gesteht ihrem Liebsten all ihre Sünden. Der Ortspolizist, nach vergeblichen Versuchen auf eine Karriere als Kommissar aufzuspringen hier im Örtchen gelandet, spielt professionelle Nachforschungen vor um seine Selbstachtung nicht zu verlieren. Elsas Mann, zusammen mit seinen Jagdfreunden (allesamt riesige estnische Kalevipoegs von Statur), sorgt sich um die Pflanzordnung im Garten und schläft regelmäßig vor dem Fernseher ein. Andres, offenbar für verschiedene Bauvorhaben in der Gemeinde zuständig, hat sich offenbar Geld von Lauri geliehen und verzweifelt daran, dass er nun dessen Verbleib nicht erklären kann, aber weiter in großen Schwierigkeiten steckt.

Vielleicht eine interessante Vorstellung für alle, die umziehen müssen an einen fremden Ort: wie wäre es, wenn die neuen Mitbewohner und Nachbarn alle der Reihe nach im eigenen Schlafzimmer vorbeiprominieren würden? Sowas passiert ja manchmal erst, wenn man wieder geht: hier kommt die Kondolenz zu früh, fast peinlich berührt betreten alle Gäste das Haus.

Aet Laigu
Am Anfang wie am Schluß des Films ein Geräusch, wie man es vom Abspielen einer Schallplatte kennt: die Nadel hängt noch in der Mitte, alles ist gespielt, und wird nun, da niemand das Gerät ausstellt, nur noch immer wieder von der letzten in die vorletzte Rille gezwungen. Endlos. Der Film hätte auch "Ritual" heißen können; ritualhaft sitzt Elsa immer wieder mit allen Gästen am Küchentisch, bietet Kaffee, Kuchen und geschmierte Brote an, und ist doch froh, wenn niemand der Eindringlinge Schmutz oder Gerüche hinterlässt. Aber gleichzeitig ist Elsa keine vereinsamte Hausfrau, die ihr Leben nur bedauern würde, die nie ihre Träume hätte realisieren können. Sorgsam organisiert sie sich, an den ihr sittsam bekannten Gewohnheiten ihres etwas pflegmatischen Mannes entlang, auch ihren Liebhaber: stets erscheint er mit relativ kümmerlichen Blumen, aber immerhin. Allerdings ist auch der Liebhaber kein Ausbruch aus der Biederlichkeit. Wer hierüber detaillierter nachdenkt, käme auch dem Plot der erzählten Geschichte näher.

Produzentin Aet Laigu ist mit diesem Film schon auf über 20 Filmfestivals zu Gast gewesen, erzählte sie in Bremen. Von ungewöhnlichen Zuschauerfragen nur inspiriert und offenbar immer noch voller Engagement für den Film, berichtet sie von Reaktionen in Kleinstädten auf anderen Kontinenten, wo Zuschauer gesagt hätten: "Ja, auch wir erkennen einen Teil unseres Lebens, etwas für uns Typisches in diesem Film." Gut für "Ema", denn er wirkt auf gewisse Weise wie das aktuelle Gegenstück zum "Supilinn"-Film (dt. "Das Geheimnis der Suppenstadt"), wo ganz unverhohlen Finanzmittel locker gemacht wurden, um speziell für die schöne Stadt Tartu zu werben, und sogar Sponsoren in die Handlung eingebaut erscheinen, ohne es groß zu verstecken (z.B. DHL-Paketwagen). Bei "Ema" dagegen ist alles möglicherweise Wiedererkennbare vermieden: sogar Estinnen und Esten werden keinen Platz mit einem örtlich bekannten Denkmal oder Brunnen, Rathaus oder anderem Gebäude einer bestimmten estnischen Stadt wiedererkennen können - außer vielleicht ihrem eigenen, früheren Leben.

Es wurden sogar schon Parallelen gezogen zu Alfred Hitchcock - Spannung bietet "Ema", in ritualhaften Spiralen, bis zum Schluß. Nicht immer steht allerdings, wie jetzt in Bremen, eine der Filmemacherinnen für Nachfragen zur Verfügung. Falls es die gerüchteweise schon recht betagten Mitglieder der "Akademie für die Kunst der bewegten Bilder" (AMPAS) schaffen, sich den Film in Ruhe anzusehen, vielleicht gibts ja den begehrten "Verdienstpreis der Akademie" - "Ema" ist nominiert für den Oscar für den besten fremdsprachlichen (nicht englischen) Film (siehe: Hollywoodreporter). "Es wird ja mal wieder Zeit für Estland, irgend etwas zu gewinnen!" meinte Aet Laigu fröhlich in Bremen. So sind sie, die Estinnen. Ein Stück Elsa wahrscheinlich innen drin, aber sprudelnd kreativ auf dem Weg in die Zukunft.

Der Film ist in dieser Woche noch bis Sonntag im Rahmen der Estnischen Filmabende zu sehen.

Webseite der Produktionsfirma Meteoriit (zum Film, und zu Kadri Kõusaar)
zu Kadri Kõusaar in Korea
Estnische Filmabende EFA05
Trailer zum Film
Twitternews zum Film
Kadri Kõusaar auf Twitter
Facebookseite zum Film

Donnerstag, November 10, 2016

Von Rõivas zu Ratas?


Nach 961 Tagen ging in dieser Woche die Amtszeit des estnischen Regierungschefs Taavi Rõivas zu Ende. Von 91 anwesenden Abgeordneten stimmten 63 für ein  von der Opposition beantragtes Misstrauensvotum, 28 dagegen, Enthaltungen gab es nicht.

bald schon neuer tonangebender
Politiker in Estland? Jüri Ratas,
frisch gewählter Chef der Zentrumspartei
Kaum hatte die oppositionelle Zentrumspartei sich nach jahrelangen Diskussionen vom bisherigen Parteichef Edgar Savisaar verabschiedet und sich für Jüri Ratas als neue Führungsfigur entschieden, gaben die beiden bisherigen Koaltionspartner der Reformpartei, Sozialdemokraten (SDE) aund Pro Patria / Res Publica Union (IRL), ihren Ausstieg aus der bisherigen Zusammenarbeit mit der Reformpartei bekannt - es lag nur ein Wochenende dazwischen. Und nicht nur das: eilig fügten beide hinzu, man sei offen für Gespräche mit der Zentrumspartei. Jevgeni Ossinovski, Vorsitzender der SDE, sprach sich offen für Jüri Ratas als möglichen neuen Regierungshef aus - und legte Rõivas den Rücktritt nahe."Regierungsarbeit ist Teamarbeit, und wenn es kein gegenseitiges Vertrauen mehr gibt in diesem Team, dann ist es nicht möglich weiterzumachen." 17 Jahre lang habe Estland nun schon eine von der Reformpartei diktierte Steuerpolitik ertragen müssen, und auch den sozialen Ungleichheiten im Lande müsse mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. (ERR)

Die neue Galionsfigur der Zentrumspartei versuchte sich bereits mit inhaltlicher Profilierung: die Regierung müsse auch mal notwendige Investitionen mit Krediten finanzieren können, sagte er im Interview (ERR). Mitglied der neuen Parteiführung der Zentrumspartei wurde übrigens auch Raimond Kaljulaid, der Halbbruder der neuen estnischen Präsidentin. Unklar bleibt vorerst, ob die Partei ganz vereint die neuen Perspektiven angeht: Altvater Savisaar hatte sich erst kurz vor der Wahl des Vorsitzenden entschieden, doch nicht mehr zu kandidieren, erschien gar nicht auf dem Parteikongress, und schloss auch einen Parteiaustritt nicht aus.

Auch die beiden kleineres Parteien im Parlament, die "Freiheitspartei" (Eesti Vabaerakond EVA) und die rechtskonservative Konservative Volkspartei (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond EKRE) hoffen nun auf eine Regierungsbeteiliigung. Da ist es offenbar kein Hindernis, dass beide eher dem rechten Lager zugerechnet werden: Ratas hat beide bereits zu Gesprächen empfangen und EKRE als "vertrauensvoller Partner aus der Zeit der Oppositionsarbeit" bezeichnet (ERR).Ob auch die Sozialdemokraten einer so breiten Koalition zustimmen werden, scheint allerdings unsicher.

Was passiert nun weiter? Laut estnischen Recht hat die Präsidentin nun 14 Tage Zeit, in Gesprächen mit den Parteien einen neuen Kandidaten / eine Kandidatin für das Amt des Regierungschefs zu finden. Ein benannter Kandidat oder eine Kandidatin hat dann wiederum 14 Tage Zeit, im Parlament eine Mehrheit für seine Regierung zu finden. Danach hätte ein neuer Regierungschef noch eine weitere Woche Zeit, um auch die einzelnen Regierungsmitglieder im Parlament bestätigen zu lassen. Die Präsidentin hätte aber auch die Möglichkeit, außerordentliche Parlamentswahlen anzusetzen.

Samstag, November 05, 2016

Sturm im Museumsglas

Am 1.Oktober war Museums-Eröffnungstag
Vor einigen Jahren noch, als deutschsprachiges Wissen über ein Land wie Estland nicht besonders geläufig war - Deutsche registrierten überrascht, dass an der östlichen Ostsee mehr war als nur Sowjetrussland - damals galt noch der einfache Leitsatz: Litauen ist katholisch, Lettland und Estland protestantisch. Wer so etwas schrieb, hatte vielleicht die Jahrhunderte im Zeitraffer vor Augen: gewaltsame Missionierung durch den Deutschen Orden (Schwertbrüderorden) ab dem 13. Jahrhundert, Reformation und Gegenreformation. Als Martin Luther vor 500 Jahren seine Thesen verkündete, gelangte seine Lehre sehr schnell auch nach Livland und Estland und verbreitete sich rasch. Andreas Knöpgen war einer der ersten welche sie verkündeten, und ein 1530 in Riga erschienenes Gesangbuch enthielt bereits 22 Lutherlieder, darunter "eine feste Burg ist unser Gott". Im Sommer 1524 wird durch den Rat der Stadt Dorpat (heutiges Tartu) Hermann Marsow, der in Wittenberg studiert hat, als Prediger an der Pfarrkirche zu St. Marien berufen. Marsow war der erste akademische Hörer Luthers, der in Livland wirkte. Durch die altkirchliche Obrigkeit vorübergehend vertrieben, wich er zunächst nach Reval (heute. Tallinn) aus, kam später aber wieder zurück nach Dorpat.

Die mit dem Schwert missionierenden Ordensleute hatten Altlivland, also das nördliche Lettland und Estland, der Gottesmutter Maria weihen lassen - Estland galt als "Marienland". Im 16. Jahrhundert gab es auch in Estland "Bilderstürme", als Kirchenplünderungen und andere Ausschreitungen. Die deutsche Oberschicht aber, die ja in all diesen Zeiten ihre gehobene Stellung nie verlor, sah es im Rückblick etwa so: durch die Reformation konnte erneuerte christliche Botschaft den zwei "anvertrauten Völkern", den Letten und Esten, erneut verständlich und glaubhaft gemacht werden - deutsche Pastoren halfen die Machtverhältnisse zu stabilisieren. Nun wurde auch in Estnisch gepredigt.

Das Estland von heute ist jedoch, rein statistisch nach der Zahl der eingetragenen Kirchenmitglieder betrachtet, ziemlich laizistisch strukturiert: Staat und Religion sind streng getrennt, die Zahl der Mitglieder der Estnisch-Evangelisch-Lutherischen Gemeinde ist auf etwa 108.000 gesunken (10 % der Bevölkerung). Dahinter folgen noch die Mitglieder der orthodoxen Kirchen (13%), der Römisch-Katholischen Kirche (0,5%) und der Baptisten (0,5%), Juden und Muslime (je 0,1%).

Somit ist auch eine Schlagzeile des Deutschlandradio Kultur nicht verwunderlich, wo noch vor wenigen Wochen ein Bericht überschrieben war mit dem Satz: "Gottlos glücklich in Estland". Dort steht allerdings auch, Zitat: "Eine Umfrage von 2005 ergab allerdings, dass nur 16 Prozent der Esten an einen Gott glauben, aber mehr als Hälfte, nämlich 54 Prozent, an irgendeinen 'Geist' oder an eine überirdische 'Macht'."

An welche Geister die Erbauer des neuen Nationalmuseums Estlands (Eesti Rahva Muuseum ERM) in Tartu glauben, ist nicht überliefert. Auf 6.000m2 möchte Estland seine Eigenarten und sein Selbstverständnis darstellen. Doch kaum hatte das Museum am 1.Oktober seine Tore geöffnet - nicht einmal die englischsprachigen Besucherinfos waren fertig - hatte das neue Haus auch schon seinen ersten "Skandal".

Fürs durchdigitalisierte Estland eigentlich logisch, dass auch das Nationalmuseum digitale Kunstwerke präsentiert. Eines davon zeigt das digital erzeugte Abbild einer Marienfigur, interaktiv: mittels eines in Fußhöhe angebrachten Pedals können Besucher das Hologramm einstürzen lassen, und es erscheint das Wort: "Reformatsioon". Ein perfekte, moderne Zusammenfassung der estnisch-lutheranischen Haltung zum Zustand der Welt?

Nein! sagte bereits am Tag nach der Eröffnung der Erzbischof der estnischen lutheranischen Kirche, Urmas Viilma. Und er sagte es "estonian-like": per Facebook. "Es gibt eine Menge zu sehen im neuen Museum", so Viilma, "aber eines dieser Kunstwerke hat mich doch verärgert. Die Besucher zu animieren, per Fußtritt ein Marienbild zu zerstören, das könnte sicherlich beliebt werden bei ganzen Schulklassen, die sich hier betätigen wollen. Aber was würden Estinnen und Esten sagen, wenn hier etwa die Steinbrücke von Tartu in die Luft fliegen würde, oder virtuell Feuer gelegt würde an Häusern der Altstadt von Tallinn?" (ERR). Viilma stellte auch die pädagogischen Sinn in Frage, wenn hierbei religiöse Gefühle von anderen verletzt würden. Für manche sei eben die heilige Maria nicht einfach eine historische Figur, sondern ganz real präsent in ihrem heutigen Leben.

Andere Kritiker äusserten sich auch kritisch gegenüber der hier gewählten Art, die heilige Maria darzustellen - es sei eher den Marienerscheinung des 19. Jahrhundert nachempfunden, wie sie von Catherine Labouré beschrieben wurden, also sei in diesem Fall der Bezug zu Luther und zur Reformation einfach falsch. Etliche radikalchristliche Vereinigungen meldeten sich zu Wort, und gingen teilweise sogar so weit, das Kunstwerk als Aufforderung zur Gewaltanwendung nicht nur gegen die heilige Maria, sondern gegen Frauen generell sehen zu wollen.

Eine Diskussion über Gott und Maria, in Estland? Nur wenige meinen, es nutze lediglich in erster Linie einer kostenlosen Werbung für das neue Museum. Das Thema hat inzwischen auch das deutschsprachige katholisch geprägte Internet erreicht. Auf "Katholisch.de" bezeichnet ein Pater Wrembeck den Vorgang als "Schändung des Marienkunstwerkes", gibt aber gleichzeitig zu, die Reaktionen in der estnischen Bevölkerung hätten sich weniger auf die religiösen Aspekte bezogen, sondern eher auf den allgemeinen Verlust an Kultur und Kulturverständnis. Er weist auch darauf hin, dass die estnischen Lutheraner eben nicht immer automatisch die einflussreichste religiöse Gruppierung in Estland sind, sondern eher die orthodoxe Kirche - und auch Anhänger dieser Glaubensrichtung könnten sich beleidigt fühlen. Lutheraner seien aber meist nur noch alte Leute in Estland, meint Wrembeck beiläufig, gibt aber auch zu, dass der estnische Katholizismus ein "eher konservativer Katholizismus" sei (der katholische Bischof ist Mitglied bei Opus Dei,
die ja auch in Deutschland schon viele kritische Anmerkungen auslöste, siehe z.b. DIE ZEIT). Pater Wrembeck sieht Estland eher beherrscht vom Naturglauben: "Statt von Engeln ist die Rede von Elfen und Waldgeistern."

Nun ja, solange die Diskussion von radikalen Extremisten bestimmt wird, werden wohl auch die meisten Estinnen und Esten skeptisch gegenüber den Kirchenvätern und den von ihnen festgelegten Dogmen bleiben. Radikalchristen wie Varro Vooglaid und der von ihm gegründeten estnischen "Stiftung für Familie und Tradition" versuchten die öffentliche Diskussion in ihren Sinne zu nutzen - also zusammen mit der heiligen Marie gleich mal die inzwischen erreichte estnische Offenheit gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften anzugreifen (zu dieser Diskussion siehe auch: Human Right Centre Estonia).

Das neue estnische Nationalmuseum ERM jedenfalls hatte im ersten Monat seines Bestehens 32.577 Besucherinnen und Besucher, sicher keine schlechte Zahl. Und es war in aller Munde. Das beanstandete Ausstellungsstück wurde inzwischen leicht verändert: jetzt können die Besucher nicht mehr das Zerfallen des Marienbildes auslösen, eben auch nicht mehr "Maria mit dem Fuß treten": der Zerfall des Hologramms geschieht nunmehr automatisch, wie eine Art ewiger Kreislauf, allein durch die digitale Programmierung gesteuert. Ob so etwas Martin Luther freuen würde: eine automatische Reformation?

Eesti Rahva Muuseum
auf Facebook 
im Internet 
Werbeclip1 --- Werbeclip2 (estn./engl.) --- Youtubekanal des Museums

Sonntag, Oktober 23, 2016

Zaubersuppe aus Estland

Eine Filmstadt in Estland - die soll erst noch gebaut werden. "Tallinn Film Wonderland" in Kopli, einem Stadtteil von Tallinn (ERR), soll ab Ende 2018 als Filmproduktionsstätte dienen und Arbeitsstätte für 17 Filmproduktionsfirmen werden.

Da ist es doch günstig, dass auch Estlands zweite große Stadt Tartu filmisch etwas zu bieten hat: neu in deutschen Kinos ist nun "der Geheimbund von Suppenstadt" zu sehen, ein Film der in Tartu spielt und diese schöne, alte Stadt im besten Lichte zeigt. Unabhängig von der Meinung, die Kinder sich bilden werden - das eigentliche Zielpublikum - ist vielleicht jetzt schon klar, welche Bilder aus diesem Film den Zuschauern am meisten im Gedächtnis bleiben werden: fröhliche, radfahrende Kinder im romantisch wirkender, sonnendurchflutender Umgebung, zwischen wild wuchernden Gärten und bunten Holzhäusern. Ein Film, wie ihn sich Bürgermeister wünschen:Tartu erscheint in ziemlich bestem Licht, dank den Möglichkeiten von kamerabestückten fliegenden Drohnen und digitaler Filmtechnik.

Schade, dass der Film sich in seiner deutschen Fassung so gar nicht am Estnischen orientiert: würde doch auch ein Name wie "Supilinn" für Kinder recht lustig wirken. Deutsch synchronisiert aber wirken auch alle Kinderpersönlichkeiten ein wenig eingedeutscht, und über den eigentlichen Hintergrund der Bezeichnung "Suppenstadt" erfährt der Kinobesucher leider nichts (viele Straßennamen wie Suppenzutaten: Kartoffel-, Kürbis-, Erbsen-, Sellerie-, oder Kohlstraße). Manchmal ist auch zu vermuten, dass die estnischen Originaldialoge weitaus frischer waren als die synchronisierte Fassung, wo Sätze vorkommen als seien sie von vorbildlichen Eltern geschrieben: "Opa, ich bins, mit meinen Freunden!"

Doch zur Story des Films. Wieder einmal ist es ein Versuch, die Welt der Kinder mit derjenigen der Erwachsenen zu spiegeln: wie wäre es denn, wenn mal die Erwachsenen wild und ungestüm herumspringen würden, seltsame Laute ausstoßend? In der romantischen Suppenstadt, wo es viele abenteuerliche Ecken zum Radfahren und Verstecken, aber auch eine Open-Air-Bühne für Theateraufführungen gibt, geht ein mysteriöser Maskenmensch umher, der seltsame Mixturen in die Getränke der Erwachsenen mischt, wodurch sie kindisches Gebahren annehmen und sogar mit dem Tode bedroht sind. Wohl dem, der einen schlauen Opa hat! Tiit Lilleorg, in Estland bereits bekannt aus vielen Filmen und vom Theater Vanemuine in Tartu, spielt diesen Großvater Peeter eindrucksvoll und glaubwürdig (immer gut, wenn so ein Großvater von eher kleiner Statur ist, und die Kinder nicht weit überragt). Diese Kinder haben Smartphones, und schauen auch mal im Internet nach wenn sie etwas nicht wissen - aber dieser Opa arbeitet nicht nur mit Laptop, seine Werkstatt hat etwas von einem Daniel Düsentrieb, und spätestens wenn die Kinder dort angekommen sind, scheint das Abenteuer sicher. Doch Sadu (Arabella Antons), Olav (Hugo Soosaar) und Anton (Karl Jakob Vibur), die drei Freund/innen der Hauptheldin Mari (Olivia Viikant), wollen anfangs nicht so recht glauben an verborgene Schätze, die mittels Mari's Rätselaufgaben (vom Opa erdacht) gefunden werden sollen. Vielleicht haben auch die Zuschauer ihre Schwierigkeiten, in die Geschichte reinzufinden: die estnischen Namen klingen doch recht ungewöhnlich, und werden erst im Laufe der Geschichte irgendwo mal erwähnt, wo es der Lauf der Ereignisse irgendwie erlaubt. Identifikationsfigur wird also bei diesen estnischen Detektivgeschichten, die man auch für eine Variation der "drei Fragezeichen" halten könnte (wo aber nur Jungs auftreten), eher Mari sein - im richtigen Leben ein Mädchen von 10 Jahre aus Tallinn (Lieblingsfilm: die Vampirtagebücher).

Der Film beginnt recht schwungvoll mit einer Art Straßenfest in der Suppenstadt, untermalt von der estnisch-ukrainischen Band SVJATA VATRA, die zum Tanz aufspielt. Mari's Vater dagegen deutet an, dass im realen Supilinn in Tartu heute niemand mehr sagen würde "der letzte Slum Estlands" (Atlas obscura): Open-Air-Ballett wird wohl nicht in jedem Stadtteil geboten - und auch Tartus Vorstadt ist ja real bereits auf dem Weg zum "In-Viertel" einer jungen, gut verdienenden Generation.
Der weitere Verlauf der Geschichte wird dadurch geprägt, dass der schlaue Opa Peeter leider ebenfalls vom falschen Getränk nascht und vorerst handlungsunfähig in Krankenhaus muss, der Maskenmensch sich aber mit einer unsympatischen anderen Kinderbande verbündet, denen er Geld und Geschenke verspricht, wenn sie etwas gegen Mari und ihre drei Freunde unternehmen. Vor allem der Schluß enthüllt noch einmal eine überraschende Wendung dadurch, dass die Enttarnung des Maskenmensches auf einmal ganze neue Zusammenhänge enthüllt.

Der Film erhielt bei seinen bisherigen Festival-Auftritten vor allem Publikumspreise - was darauf hindeutete, dass Kinder doch eher nach dem Grundsatz Filme schauen: "Hauptsache nicht langweilig!". Denn Langeweile kommt hier bestimmt nicht auf - über die leichten inhaltlichen Überfrachtungen können Kinder sicher gern einfach hinwegsehen. Zudem schafft auch die Filmmusik von Liina Kullerkupp einen leichten, fröhlichen Rhytmus, der die immer wieder rasanten Radel-Kunststücke der Kinder besonders betont (ein Film also auch für Mountainbike-Fans).
Falls die Fans des Supilinn-Films
noch ein wenig drängen - es gäbe
noch mehr Kinderbücher von Mika
Keränen (zu verfilmen, oder ins
Deutsche zu übersetzen)
Ganz nebenbei besteigen die Kinder auch noch den Uhrenturm des Tartuer Rathauses - ganz im Stil der mutigen Studenten, die am selben Ort 1917/18 erstmals die estnische Nationalflagge hissten - so wie es der estnische Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch "Die Namen auf der Marmortafel") zeigt. Aber das deutsche Publikum kann das vielleicht ebenso vernachlässigen wie die Hinweise, das dringend benötigte geheimnisvolle Notizbuch sei von Soldaten versteckt worden, damit die Besatzer Estlands das Buch nicht entdecken. 

5800 estnische Kinder wurden für diesen Film angeblich gecastet - und eine stattliches Budget von 1,14 Millionen € verbraucht. Die Stadt Tartu hatte kürzlich eine eigene regionalen Filmstiftung gegründet, mit einem Budget von 150.000 Euro jährlich. Der Suppenstadt-Film war einer der ersten Projekte dieser Stiftung, gefördert aus dem Budget für 2014 und 2015, und abgewickelt vom Zentrum für kreative Industrie (TCCI). Sponsoren aus der Wirtschaft gibt es ebenfall, und es scheint klar, was hier angeboten wird: im Film gab es eine eigene Sequenz mit einem Paketwagen der DHL - da freut sich die Firma.

In Estland sahen den Film bisher über 90.000 Kinogänger (der zweiterfolgreichste estnische Film des Jahres 2015, nach "1944").
Die Geschichte basiert auf dem Buch des finnisch-estnischen Schriftstellers Mika Keränen, der in Helsinki geboren wurde und Estnisch an der Universität Tartu studierte. Seit 2008 schreibt Keränen Kinderbücher. Dem Suppenstadt-Kinderfilm also zunächst einmal viel Erfolg - vielleicht verbunden mit dem Wunsch, die deutsche Synchronisation könnte nächstes Mal ruhig ein paar estnische Wörter behalten - denn die "Suppenstadt" ist ja eben nicht bloß als Filmkulisse erschaffen worden, sondern gibt es im realen Leben ja auch.

Montag, Oktober 03, 2016

Codewort "Kersti 68"

Kersti Kaljulaid, 46 Jahre alt und vierfache Mutter, wurde heute zur neuen Präsidentin Estlands gewählt - sie erhielt 81 Stimmen und übertraf damit die notwendige 2/3-Mehrheit von 68 Stimmen deutlich. Estland hat damit erstmals eine Frau als Präsidentin - als Nachfolgerin von Konstantin Päts (1938 - bis zur Besetzung Estlands durch Sowjettruppen am 21.6.1940), Lennart Meri (1992-2001), Arnold Rüütel (2001-2006) und Toomas Hendrik Ilves (2006-2016). Nach mehreren erfolglosen Wahlgängen hatte der Ältestenrat des estnischen Parlaments Kaljulaid als Kompromisskandidatin auserkoren. 90 Parlamentsabgeordnete (von 101) hatten zuvor ihre Unterstützung zugesagt, daher blieb sie diesmal die einzige Kandidatin, denn mindestens 21 Unterstützer sind notwendig.

Die 1969 in Tartu geborene frisch gewählte Präsidentin hat eine interessante Karriere hinter sich - vielleicht auch typisch für die Entwicklung Estlands in den vergangenen Jahrzehnten. Kaljulaid studierte zunächst Biologie, ihre Schwerpunkte damals werden mit Ornithologie einerseits und Genetik andererseits angegeben. Sie schloss dann aber ein Studium der Betriebswirtschaft an und ging in die Wirtschaft. Damals bereits junge Mutter, ging sie zunächst zu "Eesti Telefon" als Verkaufsleiterin, dann als Projektmanagerin zur "Hoiupank", um schließlich einen Posten im Investmentbanking der "Hansapank" zu übernehmen (bevor Hansapank an die Swedbank verkauft wurde). 1999, als Mart Laar (Ismaaliit / Vaterlandsunion) sein zweites Regierungskabinett bildete, wurde Kersti Kaljurand zu seiner Beraterin in Wirtschaftsfragen - drei Jahre lang. In dieser Zeit waren Siim Kallas Finanzminister und Toomas Hendrik Ilves Außenminster Estlans. 2002 wechselte Kaljulaid dann als Direktorin zum Iru Kraftwerk, einem Heizkraftwerk in Maardu in der Umgebung von Tallinn. 2004, nach dem Beitritt Estlands zur Europäischen Union, wurde Kaljulaid zur Vertreterin Estlands beim Europäischen Rechnungshof ernannt. Ihr Dienstsitz war seither also die Rue Alcide De Gasperi in Luxembourg. Der Rechnungshof wacht über die korrekte Verwendung der EU-Finanzen. 
erstaunlich vielleicht - für eine
Estin - dass Estlands neue
Präsidentin erst heute ein
Konto bei Twitter eröffnete

In Estland trat Kaljulaid immer wieder in der Öffentlichkeit auf, teilweise mit eigenen Beiträgen im Radio und für Zeitungen, sie engagierte sich auch für die Belange der Universität Tartu. Dennoch ist sie auch in Estland weit weniger bekannt als die vorher vorgeschlagenen Kandidatinnen und Kandidaten - und so gilt als einer ihrer ersten Vorhaben als Präsidentin, übers Land zu reisen und die einzelnen Regionen zu besuchen. 

Als "Präsidentinnengatte" wird Estland sich an Georgi-Rene Maksimovski gewöhnen müssen, mit dem Kirsti Kaljuraid in zweiter Ehe verheirat ist und mit dem sie zwei Söhne hat. Eine Tochter und ein Sohn stammen aus erster Ehe. Ein Halbbruder, Raimond Kaljulaid, ist als Lokalpolitiker für die Zentrumspartei im Bezirk Põhja in Tallinn aktiv.

Freitag, September 30, 2016

Der Este vor der Tür

Vorbei sind die Zeiten, in denen Deutsche ruhig Estland und Island verwechseln konnten - damals merkte es niemand. Die Republik Estland hat inzwischen ihren Platz gefunden in der Europäischen Union, die Geographie des Landes ist inzwischen auch in deutschen Schulen Lehrstoff geworden, und gerade die Jugend hat schon vom frei zu nutzenden Internet in Estland gehört, dem inzwischen viele Länder und Städte nacheifern. Nun könnte es noch einen Schritt weiter gehen: eh man sich versieht, steht der Este gleich vor der eigenen Haustür!

Gemeint ist er: der noch namenlose, selbstfahrende Roboter in Kniehöhe, den die estnische Firma "Starship" jetzt, in Kooperation mit Mercedes, in Deutschland zur praktischen Anwendung bringen will. In Düsseldorf startet das Projekt ab sofort in eine Testphase - unter zwei Bedingungen: fahren nur bei Tageslicht, plus Begleitperson zur Überwachung (Neue Westfälische). Der Logistikkonzert Hermes kündigte weitere Tests in Hamburg an.

Dahinter steckt unter anderem Ahti Heinla, der vor einigen Jahren "Skype" mit entwickelte und dort 2008 ausstieg. Schon vor einem Jahr erzählte er der FAZ: "Wir sind dazu gekommen, weil die NASA etwas selbstfahrenes zur Sammlung von Gesteinsproben auf dem Mars sucht. Diesen Wettbewerb haben wir nicht gewonnen - und fanden statt dessen eine Geschäftsidee für die Erde."

Auf der Erde - in Deutschland - angekommen, sucht sich also nun dieser selbstfahrende Este seinen Weg durch deutsche Vorstädte. Im heimischen Estland könne das System noch nicht funktionieren - es gäbe dort nicht die erforderliche Qualität an digitalen Karten, meinen die Erfinder. Zu den Einsatzorten gebracht werden die neunäugigen Geräte (es gibt neun Kameras) von speziell dafür gebauten Auslieferungsfahrzeugen von Mercedes. Bis zu 10kg Tragfähigkeit soll es haben. Angeblich soll es 10.000 Testkilometer absolviert haben - doch falls die Wege dabei so peinlich eben, sauber und frei von konkurrierendem Verkehr gewesen sind wie in den Werbeclips zu sehen, wird die Praxistauglichkeit zumindest in Deutschland offen bleiben müssen.

Da darf man doch gespannt sein, wie sich so ein Gerät mal zwischen von Fußgängern überfüllten Bürgersteigen, dem deutschen Radwegsystem, oder auf Kopfsteinpflasterstraßen benehmen wird. Rechtlich sicherlich eine erneute Streitfrage: wer hat Vorfahrt? Darf ich den Marsroboter stoppen, in dem ich einfach mein Bein davorstelle? Was mache ich, wenn mein Hund agressiv wird angesichts solcher Gebilde? Angeblich sind die Geräte mit einem Lautsprecher ausgestattet, so dass sich dann ein Mitarbeiter meldet. Eigentlich sehe ich persönlich mit Freuden meiner ersten Begegnung entgegen, so gesehen. Es wird bestimmt witzig.

Die nächste Frage ist vielleicht: was macht der Fahrer des Spezial-Mercedes-Van eigentlich, während die Auslieferungs-Roboter unterwegs sind? Unbezahlte Zwangspause? Büroarbeiten per Smartphone? Vielleicht bekommt er kostenlose Gelegenheit, mit seiner Familie zu skypen? Vielleicht wünscht er sich auch einen kräftigen, jungen (menschlichen) Laufburschen, den er mal schnell ausliefern schicken kann? Und wird es bald zusätzlich zu den Straßen, Geh- und Radwegen auch noch Auslieferungsstreifen geben müssen, damit die ferngesteuerten Kästen nicht einfach aus Verzweiflung einfach stehen bleiben, wenn mal zu viel los sein sollte auf ihrem Weg?
Solche Sorgen werden sich die Starship-Erfinder vermutlich nie machen; es wäre nicht erstaunlich, wenn sie wieder rechtzeitig die Idee an große Konzerne verkaufen ...

Dienstag, September 27, 2016

Ilves bleibt - immer noch

Estinnen und Esten rätseln über den Zustand ihrer politischen Führungsschicht - nachsichtig hatte man noch gelächelt über die Österreicher, die in mehrfachen Versuchen es nicht schaffen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Nun aber hat auch Estland seine politische Hängepartie - und Ilves bleibt immer noch, vorerst.

Kandidat/innen for Eesti President:
niemand mit klarem Profil?
Mit 138 zu 134 Stimmen hatte Ex-EU-Kommissar Siim Kallas vorn gelegen vor seinem Gegenkandidaten in der Stichwahl, dem Nationalkonservativen Allar Jõks. Aber durch 57 leere und 3 ungültige Stimmzettel war dies trotzdem keine Mehrheit unter den 335 Mitgliedern der Wahlversammlung (Valimiskogu). Erstaunlich dabei für unbefangene Zuschauer der Live-Übertragungen am Fernsehschirm: die Anzahl der Stimmen wurde, Kandidat für Kandidat, nacheinander durch lautes Zählen jedes Zettels offen vor den Kameras ermittelt (eine gute Lehrstunde um auf Estnisch das Zählen zu lernen, meinten einige). Also hier mal kein elektronisches Wählen, vermeintlich modern und so kennzeichnend für Estland.

Vier Kandidatinnen und Kandidaten hatten im ersten Wahlgang beinahe gleichauf gelegen: die Favoritin der Umfragen und Ex-Außenministerin Marina Kaljurand mit 75 Stimmen, die Kandidatin der oppositionellen Zentrumspartei Mailis Reps mit 79 Stimmen, Simm Kallas mit 81 und Allar Jõks mit 83 Stimmen (Rechtsaußen Mart Helme konnte nur 16 Stimmen auf sich ziehen). Wahrscheinlich seien die Wahlmänner und -frauen, von Städten und Gemeinden nominiert und entsandt, von den beiden Kandidaten der Stichwahl überrascht gewesen, vermutete Politologie-Professor Vello Pettai hinterher (ERR). Offensichtlich war auch, dass zwei weibliche Kandidatinnen gegenüber zwei Männern scheiterten - war dies der Pyrrhus-Sieg der standhaften Parteisoldaten gegenüber der angeblichen Volksmeinung? Das Beharren also auf Siim Kallas als Kandidat der regierenden Reform-Partei gegenüber einer vermeintlich breitere Schichten ansprechenden Marina Kaljurand?

Nun fordern die Medien den Rückzug aller bisheriger Kandidat/innen und Verhandlungen unter den Parteien, um gemeinsame Kandidaten zu finden. Sowohl Kallas wie auch Jõks haben bereits ihren Rückzug angekündigt (Baltic Times), Kaljurand erklärte sie sei nicht daran interessiert, sich selbst wieder zur Kandidatin zu erklären (ERR). Noch 2011 hatten einige Kommentatoren, als Präsident Ilves wiedergewählt wurde, gerade Jõks zu einem potentiell guten Gegenkandidaten erklärt - wenn er denn damals nominiert worden wäre (bnn). Nun sieht auch er seine Chance für passé. Kallas war, nach seiner Rückkehr von seinen Brüsseler Posten 2014, als möglicher Gründer einer neuen Partei oder als künftiger Ministerpräsident gehandelt worden - dies sahen einige auch als Grund, warum die Reformpartei von Regierungschef Rõivas ihn gern mit präsidialen Aufgaben "gebunden" hätte.

Viele sprechen nun von einer Änderung des Wahlrechts, anwendbar bei der nächsten Präsidentenwahl. Zunächst muss jedoch die laufende zu Ende gebracht werden. Parteienvertreter, Medien, der Ältestenrat des Parlaments - alle suchen nach neuen Namen. Gleichzeitig wird allgemein bedauert, dass Estland in dieser Sache ein so chaotisches Bild abgegeben habe, auch international. Man darf gespannt sein auf neue Vorschläge. Doch nicht etwa eine österreichisch-estnische Rochade? Auch dort war es ja bisher ein hindernisreiches Rennen um die Präsidentschaft - mit einem Kandidaten mit Wurzeln in Estland: Alexander van der Bellen (estnische Mutter). Vielleicht schade, dass die Wahl in Österreich verschoben wurde - wäre van der Bellen dort gescheitert, wäre er dann nicht frei für Estland?

Dienstag, August 30, 2016

Wenn Esten merkeln

Merkel im (digitalen) Wunderland ...
Der kürzliche Staatsbesuch von Bundeskanzlerin Merkel hinterließ eine Menge schöner Bildchen, Händeschütteln und zur Schau gestellte Merkelsche Bewunderung für die Praxis der estnischen digitale Technologie. Er gab sogar dem im tiefsten Sommerloch von Rechtsradikalen aufgebrachten Gerücht Nahrung, Merkel würde bald aus dem Regierungsamt flüchten und im Ausland Exil suchen: Estland schenkt Merkel eine digitale Staatsbürgerschaft - die Urkunde weist die E-Staatsbürgerschaft Nr. 11867 aus.

Vorbei sind die Zeiten, als Estinnen und Esten froh waren, wenn ihnen nur kein Gazprom-Vertreter oder Putin-Verehrer als hoher Vertreter Deutschlands angeboten wurde (Schröder). Nun ist Estland offenbar schon so weit, tief in die Psyche der deutschen Bundeskanzlerin vorzudringen: gleich zwei Stellungsnahmen lassen sich in der estnischen Presse finden, die persönliche Hintergründe der Person Merkel aufdecken wollen (beide sind bei ERR nachzulesen).

Katrin Laur, estnisch-deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin, emigrierte schon 1982 nach Deutschland, lebte in München und Berlin, hatte zeitweise eine Professur an der "Tallinn University, Baltic Film and Media School" und an der Kunsthochschule für Medien in Köln, arbeitet derzeit auch als freie Autorin. In einem Beitrag für "Eesti Päevaleht" schreibt Laur, Merkel sei immer noch beeinflußt von ihrer DDR-Persektive einer sozialistischen gegen eine westliche Gesellschaft. Diese "Westler" habe sie nie richtig verstanden, nie dort in die Schule gegangen, nie ihren Alltag geteilt - daher seien ihre Entscheidungen immer noch von Populismus und Opportunismus beeinflusst. Merkel könne nicht wirklich nachvollziehen wie es sei, wenn man einen Job verliert oder den Arbeitsplatz wechseln muss. Politische Ambitionen habe Merkel eigentlich nie gehabt - zumindest nicht bis zu dem Moment als sie die Chance bekam (durch Helmut Kohl), welche zu entwickeln. Seit 1990 habe sich Merkel mehr bemüht, den Wünschen der Deutschen zu entsprechen, als wirklich ein eigenes politisches Selbstverständnis zu entwickeln; vieles was sie initiiert und realisiert habe, passe mehr zur Politik der Grünen und der SPD als zu ihrer eigenen Partei CDU.

Angela Merkels Gesicht in der estnischen Presse:
Überaltert, müde, orientierungslos? (Eesti Express)
Damit nicht genug: auch Külli-Riin Tigasson, Journalistin bei "Eesti Express", macht sich offenbar Sorgen um die Phsyche der deutschen Kanzlerin. "kuus käsku" ("sechs Gebote") identifiziert dort die Autorin an Merkel fest (abgesehen davon, dass sich der Ausdruck „Kohli tüdrukuks“ - Kohls Mädchen - auch ganz lustig liest, estnisch).

Ethische Prinzipien seien das, die bei Merkel eben stärker seien als Loyalität zu Parteien. Aus Ehrenhaftigkeit, aus Respekt vor anderen habe sie es abgelehnt, Panik und Aufgeregtheit das Wort zu reden. Eine Pastorentochter eben. Und die Entscheidung, die Grenzen nicht vor dem Flüchtlingselend zu verschließen sei eben eine christlich begründete Entscheidung gewesen.

Estland denkt über Deutschland's Spitzenpersonal nach, letztendlich auch über Europa. Was wiedermal zeigt, dass sich Estinnen und Esten, obwohl wortkarg, doch oft in Perspektiven anderer (oder andere Perspektiven) hineinzuversetzen vermögen. Ob Deutschland genauso intensiv über Estland nachdenkt?