Donnerstag, Juni 01, 2017

Tallinn, Europas Mitte

Estland ist bereit. Vielleicht wird sich mancher noch an die schwierigen Zeiten Anfang der 1990iger Jahre erinnern - damals hätte man sich nicht vorstellen können, dass ganz Europa die wichtigsten Konferenzen ausgerechnet in Estlands Hauptstadt - die manche älteren Deutschen hartnäckig "Reval" nennen - veranstalten würde. Heute ist die Perspektive sogar  beinahe umgekehrt: damals konnten sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen, dass ein Land wie Estland erstens eine Existenzberechtigung hat und zweitens zu Europa wie selbstverständlich dazugehört. Heute blicken viele Europa-Freunde hoffnungsvoll an die östliche Ostsee: hier scheinen die entschlossensten Europäer überhaupt am Werk zu sein.

So gibt denn Estland ab dem 1. Juli sogar einen Teil der Tagesordnung vor. Wer sich die estnische Selbstdarstellung der EU-Präsidentschaft anschaut, wird vielleicht im ersten Moment an eine Variante der vom US-Präsidenten Trump bekannten Sprüche denken: Estonia first? Nein, "Estonia will be in the focus" ist hier ganz anders gemeint. Europa schaut nach Estland. Bereits in den vergangenen Wochen überflutete die deutschsprachige Presse eine Welle von Beiträgen über das moderne digitale Estland (siehe Rheinische Post, Bayernkurier, Tagesspiegel, Die Presse, FAZ, BerlinValley, Weserkurier, Thüringische Landeszeitung, Der Standard, Wirelesslife). Deutsche Politiker sprachen von ihrem eigenen Land als "digitales Entwicklungsland", und auch der 10.Jahrestag eines russischen Cyberangriffs auf Estland fand Beachtung (siehe Netzpiloten, NZZ).

Die estnischen Verantwortlichen benennen 5 Themenfelder, zu denen die internationale Aufmerksamkeit auf Estland gelenkt werden soll:Kultur, Wirtschaft, Informationstechnologie, Tourismus und Wohnen, sowie Bildung und Wissenschaft. Regierungschef Jüri Ratas gab kürzlich Pläne für eine europäische Digitalkonferenz bekannt, die Ende September / Anfang Oktober stattfinden soll (Termin steht noch nicht fest, ERR). In Brüssel dagegen war es Kulturminister Indrek Saar, der Schwerpunkte der estnischen EU-Präsidentschaft vorstellte - auch hier war die Rede von audiovisuellen Medien und der "digitalen Revolution". Andere Themen: Verbesserung des Zugangs zur Kultur und dem Kulturerbe, die Rolle von Trainern im Sport, und die Gesundheitsförderung.Zu den Kosten heißt es, 75 Millionen Euro seien eingeplant - davon allein 41 Millionen für Personal, und 23 Millionen für Veranstaltungen. Eines haben sowohl Estland wie die Europäische Union auf jeden Fall gemeinsam: blaue Luftballons reichen aus, sie symbolisieren beides.

Die größten und zentralen Veranstaltungen während der Präsidentschaft sollen übrigens im "Kulturikatel" in Tallinn stattfinden; der Ort hat eine interessante Vergangenheit: nicht dass sich hier ehemals ein Heizkraftwerk befand, sondern hier wurden auch Aufnahmen für Andrei Tarkovskys Kultfilm „Stalker“ gemacht.
Zu den kulturellen Glanzpunkten soll die Europatour der Folkband "Trad.Attack!" zählen,"Streetart in verschiedenen europäischen Hauptstädten" (wo genau, vielleicht Teil der Überraschung?), Paavo Järvi geht mit einem estnischen Festivalorchester auf Tournee, in London gibts die estnische Designausstellung "Size doesn't matter", in Brüssel gibts eine Kunstausstellung und eine Ausstellung estnischer Musikinstrumente, Mitte November präsentiert sich estnischer Jazz eine Woche lang in Belgien, die estnische Nationaloper wird auf Tour nach Finnland gehen, inn Helsinki gibt es eine Konferenz zum Thema "virtuelle Realität", und den Abschluß macht Ende Januar 2018 ein Arvo-Pärt-Festival. Dann kann es mit dem Feiern gleich weitergehen - 100 Jahre Estland.

Mehr Infos:
Estnischer Ratsvorsitz (auch Infos in Deutsch)
Infos zum Ratsvorsitz (Englisch / Estnisch / Russisch)
Estnisches Kulturministerium
Estnisches Parlament "Riigikogu" zur EU-Präsidentschaft


Dienstag, Mai 02, 2017

Rail immer geradeaus

Auch in Estland erregt der Bau der "Rail Baltica", der geplanten Eisenbahn-Schmalspur-Schnellstrecke von Warschau nach Tallinn, einigen Widerspruch. Während einige der Bahnliebhaber fast schon sehnsüchtig darauf warten, auch wieder per Bahn die Hauptstädte der baltischen Staaten erreichen zu können, regen sich andere über manche Planungsentwürfe auf, denen zufolge die neu zu bauende Strecke (1.435 mm Spurweite, statt der russischen 1.520 mm) einfach schnurgerade durch Landschaften und Vorstädte hindurch gebaut werden soll.
Die Folgen für die Umwelt seien nicht genügend vorher abgewogen worden, das meinen auch die Teilnehmer entsprechender Demonstrationen in Estland, und, als Konsequenz: "Stop fail baltic!".

Bereits seid 20 Jahren wird von verschiedenen Seiten überlegt, wie auch die Bahnverbindungen zwischen den baltischen Staaten - und ggf. einer Verbindung nach Helsinki - verbessert werden kann. Inzwischen hat der Auto- und LKW-Verkehr überall die Verkehrsentwicklung bereits dominiert. Resultat: knappe finanzielle Ressourcen verschlingen immer größere Summen für die Reparatur von Straßen. Der große Nachteil bei der jetzt im Bau befindlichen Bahnstrecke ist einerseits, dass sie wegen der unterschiedlichen Spurbreite nicht vernetzt werden kann mit schon existierenden Strecken, und andererseits wegen der beabsichtigen Schnelligkeit fast nirgendwo anders Bahnhöfe haben wird wie nur in den Hauptstädten (in Estland zusätzlich nur in Pärnu).

Futuristisches Bahnfahren - so sieht der Entwurf
der Projektplaner für den Bahnhof von Pärnu aus
Das Management des "Rail-Baltica"-Projekts dagegen gibt sich umweltfreundlich: Schallschutzbarrieren, grüne Korridore, die Nutzung abbaubarer Textilien, Passage-Möglichkeiten für Amphibien - das alles soll es geben. Angekündigt haben die Betreiber auch, die Trasse werden keine der von der EU speziell unter Schutz gestellten Natura2000-Flächen berühren.Das Projekt soll bis 2025 fertiggestellt werden.

Freitag, April 21, 2017

Ostermathematik

"Wir haben 200 Arbeitstage in Estland, jeder ist etwa ein halbes Prozent wert. Aber im vergangenen Jahr hatten wir nur ein halbes Prozent Wachstum; ein zusätzlicher Feiertag würde uns also erheblich schaden." (ERR)
Wer das sagt, war einige Monate lang tatsächlich Estlands Wirtschaftsminister - im Kabinett Tiit Vähi 1992. Danach wurde er Wirtschaftsberater - für Politiker wie Edgar Savisaar, für Banken und internationale Institutionen. Heido Vitsur, geboren 1944 und Mitglied der Zentrumspartei, ist seit einigen Monaten auch Berater der estnischen Präsidentin Kaljulaid.

In diesem Fall geht es um den Ostermontag. In vielen europäischen Ländern ein staatlicher Feiertag, in Estland nicht. Die Gegner der Einführung eines neuen Feiertags argumentieren, dass laut Umfragen 84% der Estinnen und Esten angeben, Religion und Kirche spielten in ihrem Leben gar keine oder nur eine sehr geringe Rolle. Warum also Ostern ausgiebiger feiern? Ähnliches wie in Estland gilt auch für Malta, Portugal, Lichtenstein, Monaco, oder San Marino - Ostermontag ist auch dort Arbeitstag, bis auf Portugal ist dies allerdings eine Ansammlung eher kleinerer Länder, einer Eigenschaft, die Estland sonst ungern herausstellt.

Vielleicht sind es aber tatsächlich andere Bräuche, die in Estland zu Ostern begangen werden. So weist auch der MDR schon in einer Sendung ("Heute im Osten") darauf hin, dass es verschiedene Bezeichnungen für das Osterfest gibt: Eierfest ("Munapühad"), Frühlingsfest ("Kevadpühad"), Schaukelfest ("Kiigepühad") oder Fleischfest ("Lihavõttepüha"). Und neben dem "Fleischfest" gibt es sogar auch einen "Tag des Wegwerfens von Fleisch" ("lihaheitepäev"), weiß "Eestikultuurist".
Auch der "Osterhase" sei in Estland unbekannt. Andere Autoren dagegen bemerken zurecht, dass Osterhasen sehr wohl auch in Estland auftauchen ("interaktiver Kulturkoffer"). Deutsche, die in Estland Ostern erleben, erzählen ebenfalls von Schwierigkeiten sogar einen einfachen Ostergruß zu finden: großer Eierfeiertag? (Krissi sagt tere) Wobei das Eiersuchen in Estland ziemlich unbekannt sein soll. Warum also zusätzlich feiern? Auch Ostersonntag bleiben schließlich die Geschäfte geöffnet - wahrscheinlich ebenfalls wegen den "Prozenten" ...

Samstag, April 08, 2017

Süßes Estland

Der "Öö-Club Sugar" ist eine der heißesten Adressen der estnischen Hafenstadt Pärnu - ob demnächst ein Strategiewechsel anstehen wird? Die estnische Regierung jedenfalls plant mit einer neuen, mehrstufigen Steuer den Trend zu immer mehr Zucker umzudrehen. Falls das Gesetz wie geplant in Kraft tritt, sollen Getränke mit 5-8g Zucker pro Liter etwa 35% im Verkaufspreis teurer werden, bei über 8g Zuckergehalt sogar bis zu 50%. Allerdings soll die Umsetzung über zwei Jahren gestreckt werden; ab 2018 soll der Steuersatz bei Getränken über 10g Zucker pro Liter 36 Cent betragen, ab 2019sinkt diese Grenze auf 9g, um ab 2020 dann ab 8g Zuckergehalt schon zu gelten. Berechnungen des estnischen Finanzministeriums zufolge soll dies, falls auch Säfte mit Zuckerzusatz einbezogen werden, eine jährliche zusätzliche Steuereinnahme von bis zu 25 Millionen Euro ergeben (Baltic Course).

Natürlich denken viele angesichts solcher Pläne vor allem an die US-amerikanischen Großkonzerne mit ihrem stark zuckerhaltigen Getränkeangebot. Der estnische Gesundheitsminister Jevgeni Ossinovski (Sozialdemokrat, SDE) äußerte sich jedenfalls zuversichtlich, das neue Gesetz könne die Hersteller dazu bewegen, den Zuckergehalt in ihren "Softdrinks" zu senken (ERR). Alles was nur 5% Zucker und weniger enthalte, sei von der neuen Steuer nicht betroffen. Obwohl es auf den ersten Blick fragwürdig erscheine, Firmen wie Coca-Cola durch ein Gesetz im kleinen Estland zu irgend welchen Änderungen zu bewegen, dann zeige sich doch, so Ossinovski, dass auch bei diesen Konzernen der Zuckergehalt der Getränke von Land zu Land sehr unterschiedlich sei. Ähnliche Pläne wie Estland gibt es auch in den EU-Ländern Portugal, Irland, Spanien und Frankreich. Pressemeldungen zufolge gibt es tatsächlich bei einigen Herstellern Pläne zur Reduzierung des Zuckergehalts (FoodNavigator). Begründet wird das allerdings mit geänderter Verbrauchernachfrage.

Kritische Stimmen kommen u.a. von der estnischen Lebensmittelverarbeitenden Industrie (Eesti Toiduainetööstuse Liit - ETL). Der Verband weist darauf hin, dass innerhalb der Europäischen Union (EU) keine bestimmte Warengruppen "diskriminierenden" Gesetze zulässig seien - so sei auch schon eine finnische Steuer auf Süßwaren und Eis und ein dänische Besteuerung der Verwendung von gesättigten Fettsäuren inzwischen wieder aufgehoben worden. In Finnland wurde die Regelung allerdings wegen ungleicher Besteuerung von Warengruppen aufgehoben (Steuer auf Süßwaren, nicht aber auf Plätzchen). Das finnische Zuckerbesteuerungsgesetz von Softdrinks, bereits seit 1940 in Kraft, bleibt allerdings bestehen.
Auch EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hatte sich kürzlich positiv über die Einführung einer Steuer auf Zucker geäußert.

Freitag, März 31, 2017

Herr der Nixen

Die Nixen von Estland - das war vielleicht sein legendärstes Buch in deutscher Sprache - obwohl Leserinnen und Leser es vielleicht gar nicht mit einem bestimmten Land in Verbindung brachten. Denn obwohl der Verfasser, wie er im Vorwort schrieb, "sein Werk dem geschätzten Leser mit einigem Herzklopfen" vorlegte, waren es vielleicht erst die zauberhaften Illustrationen von Kat Menschik, die der Fassung des zuletzt im Eichborn Verlag erschienenen Buches seine ganze Verschrobenheit verlieh.
Andererseits hatte das von einem Esten Geschriebene auch in diesem Fall den schicksalhaften Weg über das Russische genommen, bevor es ins Deutsche übersetzt wurde, wie bei einigen weiteren seiner Werke (nicht bei allen). In der Eichborn-Ausgabe von 2002 rückt dann allerdings der Text, ebenso wie dessen Ursprungsland, ganz in den Hintergrund. Anders, direkt aus dem Estnischen, erschienen Vetemaa-Texte ("Parade eines gerupften Pfaus" oder "Requiem für eine Mundharmonika") später im Literaturmagazin "Estonia".

Enn Vetemaa wurde 1936 in Tallinn geboren. Ungewöhnlich seine Studien: zunächst wurde er Chemieingenieur an der Technische Universität Tallinn, dann studierte er Musikkomposition an der estnischen Musikakademie. Im Estnischen Fernsehen avancierte er zum Redakteur für Literatur und Kunst. Als Schriftsteller debutierte er 1962, ab 1968 schrieb er auch Theaterstücke, aber er komponierte auch Filmmusik, schrieb Opern-Libretti und viele Kurzgeschichten, mehr als 20 Romane. Das "Estonian Literature Centre" rechnet Vetemaa zur "literarischen Generation der 1960iger", da er in dieser Zeit auch der führende Prosa-Autor gewesen sei. Später sei er zu einer Art "vergessenem Klassiker" geworden, zwischenzeitlich sei er als ein zu oberflächlich Schreibender angesehen gewesen. Cornelius Hasselblatt bezeichnet Vetemaa's Werke als "in der gesamten Sowjetunion kontrovers diskutiert", da er "negative Helden" geschaffen habe, die in der Welt des sozialistischen Realismus eigentlich gar keinen Platz hatten.

"Ich mache mich wieder auf den Weg, und wenn ich endgültig müde werde wirst vielleicht du mich ablösen und weitergehen.Du wirst viel weiter gehen als ich gehen konnte." (Enn Vetemaa, Schlußwort zu "die Nixen in Estland")
Am 28. März 2017 starb Enn Vetemaa im Alter von 80 Jahren in Tallinn.

Montag, Februar 20, 2017

Europa träumen mit Laanemäe


Nein, eigentlich gibt es kein andere Partei in Deutschland, die noch mehr davon redet Europa eigentlich selbst erfunden zu haben, als die CDU. Vielleicht passte der Geist von de Gaulle und Adenauer in ihre Zeit, und bewirkte durchaus Großes – aber dass er auch heute noch vorhergetragen werden muss, wenn es um die Zukunft Europas geht, da mag mancher um eben diese Zukunft Sorgen bekommen.

Nun, die Adenauer-Stiftung hat eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen: Europabilder. Und das erste „Bild“ sollte, im Rahmen eines gut besuchten Vortrags am 15. Februar, der estnische Botschafter Mart Laanemäe beitragen. Er nahm es wörtlich. Wer ihn kennt, dem ist ja auch seine Art, steil himmelwärts blickend die Worte sorgsam zu erwägen, bekannt. Für eine moderierte Diskussion mag das immer reichen, zumal wenn der Moderator bisher nicht durch veröffentlichte estnische Sachkenntnis aufgefallen ist. Aber dieses, offenbar ohne Redemanuskript vorgetragene, eher laut gedachte Suchen nach Bildern war anfangs mühsam diesmal. Sehr mühsam.
Laanemäe, der seinem Publikum versuchte zu beschreiben, an welcher Stelle genau Kanzlerin Merkel die hohen Staatsgäste empfängt, an den Wänden die Abbilder der Karlspreisträger vieler Jahrzehnte, wirkte eher wie jemand, der weder in solchen Fällen einfach mal ein Selfie mit dem Handy machen kann, noch die Regeln der Fotografie mit Kontrast, Blende und Tiefenschärfe richtig verstanden hat. Eigentlich wisse er auch gar nicht so richtig, wie Europa aussehe, meinte er schließlich – also konkrete Bilder für das momentan existierende Europa könne er sich da viel weniger vorstellen als für das zukünftige Europa. Doch genau dies wirkte dann doch wie ein sehr schlicht geschneidertes Rezept: einfach das Gute von Europa für die Zukunft bewahren, das Schlechte weglassen, gab Laanemäe seinem Publikum zu verstehen. Erstaunlich: sind solche Plattheiten wirklich das Surrogat aus jahrelanger diplomatischer Erfahrung? Manche der Gäste wünschten sich von estnische Seite gar eine Kur für Deutschland: ob der Herr Botschafter denn vielleicht Vorschläge habe, wie Deutschland verbessert werden könnte, wurde gefragt. Nein, da könne er viele Ländern nennen, zu denen ihm sofort etwas einfallen würde, aber Deutschland? Leider nein.

Erheblich konkreter wirkte der in Kanada geborene Laanemäe, gerade frisch zum zweiten mal als estnischer Vertreter in Deutschland ernannt, bei estnischen Alltagsfragen. Aber das lag auch teilweise an den geduldigen Fragen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer – offenbar mehrheitlich Estland-Fans. Das ging von den häufig schon neu aufgewärmten Tunnelbauplänen für die Strecke Tallinn-Helsinki, über die Gasversorgung im Ostseeraum, bis zum erfolgreichen Roggenanbau in Estland. Bei der Frage nach der Lage der Russen in Estland ließ das Publikum eine sehr vage Antwort zu. Zahlen wurden hier nicht genannt. Auf die Frage, wieviele der gebürtigen Russen denn inzwischen die estnische Staatsbürgerschaft beantragt hätten, meinte Laanemäe lediglich: „es haben insgesamt mehr beantragt als bis jetzt nicht beantragt“.
Für sich genommen wirken solche Antworten wirklich ausweichend, doch Moderator Zeeck, ein offenbar verdienter Adenauer-Stipendiat schaffte es, gleichzeitig noch angebliche Pläne in den Raum zu stellen, die Region Narwa aus Estland herauszulösen und Russland zuzuschlagen. Exakte Quellen für solche angeblichen Zitate wurden keine genannt (sowas habe er vor 20 Jahren mal irgendwo gehört). Wer will da schon noch Fakten über die Gegenwart hören, wenn gleich daneben Dinge behauptet werden, von denen es Lanemäe nicht schwerfällt sie klar zu dementieren.

Was bleibt also von diesem Abend? Die „estnischen Bilder“ von Europa (Fotos) wurden leider schon vor Beginn des Vortrags gezeigt – das verriet die Veranstaltungsleitung, nachdem alles vorbei war. Weder während des Vortrags, noch als Illustration während des Abends gab es Fotos aus dem Herkunftsland des Gastlektors – sicher ein Detail, das bei den kommenden, ähnlichen Abenden noch optimiert werden kann.

Wirklich neu waren die Antworten Mart Lanemäes auf die Frage, warum er nun schon zum zweiten Male nach Deutschland entsandt worden sei. Ob er es beim ersten Mal so herausragend gut gemacht habe? „Nun ja,“ meinte Laanemäe schmunzelnd, "manche nennen es auch 'nachsitzen'.“ In Wirklichkeit sei dieses Verfahren aber eine indirekte Folge des BREXIT, und der Tatsache, dass Estland anstelle Großbritanniens nun schon in wenigen Monaten den EU-Ratsvorsitz zu übernehmen habe. Da habe man in Brüssel eben sehr viele Leute gebraucht. Blieb Laanemäe für Deutschland. Vielleicht auch wirklich deshalb, weil - wie auch auf dieser Veranstaltung zu beobachten war, Mart Laanemäe zwar auf so manches Deutsche, auf vieles Estnische zu fokussieren weiss – aber so gut wie nichts zur Zukunft Europas. „Nehmen wir das Positive, lassen wir das Schlechte weg“ wirkt jedenfalls nicht wie ein Konzept für Praktiker.

Sonntag, Februar 12, 2017

Dorf plus Dorf = 5000

Die estnische Regierung plant eine umfassende Gemeindereform für ganz Estland: in Zukunft soll eine Mindestzahl von 5000 Einwohnern gelten, um als selbstständige Gemeinde weiterbestehen zu können - bisher wiesen 80% aller estnischen Gemeinden weniger als 5000 Einwohner auf. Einige Ausnahmen sieht die Reform vor: die Inselgemeinden Kihnu, Muhu, Vormsi und Ruhnu bleiben in der bisherigen Form bestehen.

Die Gemeindevertreter Estland müssen sich bis zum 15. Mai zu einem Vorschlag des estnischen Finanzministeriums Stellung nehmen. Auf dieser Liste befinden sich zum Beispiel Vorschläge zur Vereinigung der Gemeinden Padise, Paldiski und Keila im Westen Estlands, Alatskivi, Kallaste und Pala am Peipsi-See im Osten, oder Puka, Otepää und Sangaste im Süden des Landes (siehe ERR).
Das zuständige Ministerium betont seinerseits, dass bisher bereits viele Gemeinden (160 der anvisierten 213) einen Zusammenlegungsvorschlag vorgelegt haben, den die Regierung für akzeptabel gemäß der beabsichtigten Kriterien hält. Nach der Reform wird die Gemeinde Saaremaa die einwohnerstärkste Landgemeinde Estlands sein (32.000 Einwohner).

Aber der zukünftige Gemeindezuschnitt wird nicht nur eine Frage von Zahlen und Finanzen sein. Über manche der vorgesehenen gemeinsamen Namen gibt es noch anhaltende Diskussionen.
eine Karte der Zeitung "Postimees" zur Verdeutlichung
von Plänen zur Zusammenlegung
So pocht die kleine Gemeinde Lüganuse (deutsch: Luggenhusen) zum Beispiel auf eine Tradition bis zurück ins 13. Jahrhundert, während es Kiviõli erst 70 Jahren gäbe - 1928 durch den Ölschieferabbau geschaffen (Postimees). Kiviõli selbst war 1957-1991 Teil der Gemeinde Kohtla-Järve, und besteht eher aus russischsprachigen Einwohnern, während Lüganuse eher estnisch dominiert ist. Kiviõli ist bekannt wegen der dort stattfindenden Motocross-Rennen, Lüganuse eher durch sichtbare Kulturgeschichte wie ein markanter runder Kirchturm. - Da ist noch viel Platz für Diskussionen und neue Lösungsvorschläge während der kommenden Wochen. Dennoch ist der Zeitplan eng: die noch für 2017 anstehenden Kommunalwahlen sollen in den Gemeinden nach dem neuen Zuschnitt erfolgen.

Samstag, Januar 14, 2017

Mega-Sterne auf dem Wasser

Ende Januar wird der Schiffsverkehr zwischen Tallinn und Helsinki um eine neue Dimension bereichert: die Reederei "AS Tallink Grupp" wird dann erstmals die neue "Megastar" einsetzen; nach Auskunft der Betreiber schnell, modern und umweltfreundlich. Allerdings ist bei dieser Art Schiffsreise niemand mehr mit dem Sonnenuntergang allein: das neue Schiff wird bis zu 2850 Passagiere befördern können. Manche Gäste werden nicht einmal den Unterschied zum Festland bemerken - bis auf den Blick aufs Wasser natürlich. Aber wer will schon bloß aufs Wasser schauen, wenn Restaurants, Einkaufsmärkte, Bars und Kinderbelustigung locken. 400 Menschen werden gleichzeitig am Buffet aufschlagen können, und bei 2800 Quadratmeter Supermarkt-Verkaufsfläche hat jeder Gast sozusagen seinen eigenen kommerziellen Meter.

Gebaut wurde das Schiff bei der "Meyer Turku Oy" in Finnland, die 2014 von der deutschen Meyer-Werft übernommen wurde. Neuartige Motoren des Herstellers Wärtsila werden hier eingesetzt, die mit LNG (verflüssigtes Erdgas) als Antriebsstoff arbeiten, was als umweltfreundlich gilt (jedenfalls im Vergleich mit Diesel oder Schweröl). Damit können Reisende zwischen Tallinn und Helsinki sich selbst einen Eindruck davon verschaffen, was als "Wettrüsten auf den Meeren" bezeichnet wird (siehe Spiegel). Mit diesem Schritt Richtung "Green Shipping" erhofft sich der Konzern natürlich auch positive Schlagzeilen.

Um die neugierigen Nachfragen zu befriedigen, hat die "Megastar" im Internet auch einen eigenen Blog: in Englisch, Estnisch Finnisch und Russisch können Interessierte sich hier Eindrücke verschaffen. In Turku arbeitet die Firma "Modelco" bereits an Miniaturen des Schiffes. Und in Helsinki wird, rechtzeitig zur Inbetriebnahme des Schiffes, ein neues Abfertigungsterminal eingeweiht werden. Ob man so große Schiffe mag oder nicht - zumindest ohne stinkenden Qualm aus dem Schornstein wird es also jetzt zwischen Tallinn und Helsinki zugehen.
9,5 Millionen Menschen transportierte die "AS Tallink Grupp" im Jahr 2016 insgesamt; der stärkste Passagieranstieg (7%, auf über 5 Millionen) war dabei auf der Strecke Tallinn-Helsinki zu verzeichnen (Kreuzfahrtblog).